Die dritte Kurzgeschichte mit Fredo und Lona, viel Spaß beim Lesen!


Seit zwei Tagen stehen Lona und Fredo mit ihrem Wohnmobil auf dem Strandparkplatz. Tagsüber kommen ein paar Familien, verbringen etwas Zeit am Strand und fahren wieder. Es ist Winter in Portugal, die Strandsaison ist vorüber, der Atlantik wird wilder. So gehört den Anglern die meiste Zeit über der Strand. Sie treffen sich auf dem Parkplatz, packen ihre Sachen und stapfen vollgepackt über den weichen Sand in Richtung Wasser. Nicht viel los hier, und so verbringen Lona und Fredo eine entspannte Zeit in ihrem rollenden Zuhause, mit Nichtstun und Müßiggang, unterbrochen von Spaziergängen mit ihrem Hund Mo.

Es bricht die dritte Nacht an diesem schönen Ort über sie hinein – die Sonne verschwindet im Atlantik, und sofort wird es kalt. Zeit, sich nach drinnen zu verziehen, um sich einen gemütlichen Abend zu machen. Fredo hat die Kopfhörer auf und sieht sich eine Doku an, während Lona in ihr Buch vertieft ist. Und so hört auch nur sie, wie es draußen »klock, klock, klock« macht, nicht weit von ihrem Wohnmobil entfernt. »Was ist das?« fragt sie Fredo, der jedoch nicht einmal nichts versteht, erst seine Kopfhörer absetzen muss. »Hörst du das?« Doch in diesem Moment kann sie selbst das Klockgeräusch kaum mehr wahrnehmen. »Ich höre nichts. Was war denn?« Wenn es jetzt weg ist, dann ist ja auch gut, was soll es schon wichtiges gewesen sein. »Nur ein Geräusch, ist schon wieder weg. Schau weiter deinen Film an, scheint spannend zu sein.« Und so widmen sie sich weiter ihren harmlosen Freizeitbeschäftigungen. Doch natürlich war da was, und es wird wieder kommen.

Der nächste Tag verläuft wie der letzte: Lesen, Tee trinken, ein Spaziergang den Strand hoch, ein weiterer den Strand runter, kochen und im Internet surfen. Am Abend, als sie gerade ins Bett gegangen sind, so gegen Mitternacht, wieder dieses »klock, klock, klock«. Dreimal hintereinander, dann nach einer Pause, wieder »klock, klock, klock«. »Jetzt höre ich es auch«, meint Fredo, und auch Mo gibt seinen knurrenden Kommentar ab. Das Geräusch entfernt sich langsam, dann ist es wieder ruhig – nichts zu hören, bis auf das Rauschen des Meeres und die Blätter der Eukalyptusbäume in dem Wäldchen hinter ihnen. Draußen ist es stockdunkel, kein Auto zu sehen. Sehr seltsam, was mag das wohl gewesen sein? Es hörte sich an, ob jemand beim Gehen mit einem Stock auf den Boden klopfte. Aber hier ist doch niemand außer ihnen! Sie stehen auf einem super einsamen Strandparkplatz, weitab von bewohnten Gegenden. Die Angler fahren mit dem Auto her, meist mit einem Pickup, einfach weil die Straße so schlecht ist. Die nächsten drei Kilometer kommt einfach nichts, und auch mit dem Fahrrad ist der Weg nicht wirklich gut passierbar. Aber jetzt ist wieder alles ruhig, und nachdem sie noch eine halbe Stunde lauschen, schlafen sie ein.

So ganz mag Lona diese seltsamen Klock-Geräusche nicht aus dem Kopf bekommen. Aber was soll es schon gewesen sein, da braucht man sich doch nicht verrückt machen. Gegen Mittag begeben sie sich an den Strand – um diese Tageszeit ist es meist windstill, und die Sonne scheint kräftig vom Himmel. Das ist das Schöne in Portugal: egal, wie niedrig die Temperaturen sein mögen – solange die Sonne scheint, kann man es draußen gut aushalten.

Während Mo am Strand alle zehn Minuten seine fünf Minuten hat, und wie ein Irrer durch den Sand tobt, schlendern Lona und Fredo gemütlich den kilometerlangen Strand entlang. Links das Meer, alle paar Sekunden brechen kleine Wellen direkt am Strand. Rechts die Dünen, hin und wieder unterbrochen von ein paar kleinen Klippen.

Diese unberührte Natur wird jäh unterbrochen, in der Düne erspähen sie eine alte Hütte. Eine Ruine, wie man sie in Portugal öfters sieht: Irgendwann hat hier wohl mal jemand gewohnt, doch längst wurde sie verlassen. Die gemauerten Außenwände stehen noch, einen Dachstuhl gibt es auch noch, doch längst hat der Wind das Dach abgedeckt. Vielleicht eine alte Unterkunft für Angler, oder ein aufgegebenes Feriendomizil? Es ist immer wieder spannend, was man in solchen kleinen Häuschen noch vorfindet, und so reicht ein übereinstimmender Blick, dass sich Fredo und Lona auf zur Hütte machen.

Eine alte Hütte ohne Dach, da kann man ja nicht allzu viel finden außer Sand und ein paar Grasbüschel, die sich ihren natürlichen Lebensraum zurück erobern – so sollte man denken. Doch was sie sehen, lässt sie kurz zusammen zucken: hier wohnt jemand! Im Innern der Hütte finden sie eine Art Verschlag, ein Konstrukt aus Strandgut, Ästen und Eukalyptuszweigen aus dem benachbarten Wäldchen. Dazu jede Menge Überreste von offenbar erfolgreichen Jagd- und Angelausflügen: Hier ein Eimer mit Fischkadaver, dort ein Hasenfell – und jede Menge undefinierbaren Müll. Nein, hier wohnt keiner, hier haust einer! Es riecht einfach nur erbärmlich, und so genau will Lona nicht wirklich wissen, was ihr gerade alles in die Nase kommt. Ehe sie sich angewidert wegdrehen will, erschrickt sie sich, aus einem ganz anderen Grund: hinter ihnen hört sie ein allzu bekanntes Geräusch. Es macht »klock, klock, klock«, und als sie sich zeitgleich mit Fredo umdreht, sehen sie, was dieses Geräusch verursacht.

Ein Mann läuft in Richtung Haus. Über seiner linken Schulter hängt ein frisch erlegter Hase, die rechte Hand umgreift einen Holzstock, auf dem er sich beim Gehen aufstützt. Bei jedem zweiten Schritt macht es »klock«. Es ist nicht der Holzstock, sondern seine alte Prothese – das rechte Bein ist nicht mehr eigenes, was man durch die zerissene Hose gut erkennen kann. Und das metallene Kniegelenk scheint nicht mehr wirklich gut zu funktionieren. Alle sechs Schritte muss er eine kurze Pause einlegen, dann geht es für ein kurzes Stück weiter, »klock, klock, klock«. Lona und Fredo starren ihn an, sind entsetzt über die Gestalt, die auf sie zukommt. In welchem Alter der Mann ist, lässt sich unmöglich sagen. Bart und Haare sind ein zotteliges Gestrüpp, schon grau und voller Dreck. Auch seine Kleidung hat schon bessere Zeiten gesehen. Er ist so sehr auf seinen mühsamen Gang konzentriert, dass er die beiden nicht wahrnimmt. Erst, als er zehn Meter vor ihnen steht und Fredo ein leises »Bom Dia« heraus bekommt, schaut der Mann erschrocken auf.

Lona wird direkt bewusst, dass sie gerade in seinem Zuhause rumschnüffeln. Dass sie sich über die Lebenssituation eines Mannes pikieren, der offenbar ganz unten angekommen ist. Er haust in einer Ruine in den Dünen, fernab der Straße, hat kein Dach über den Kopf, ist behindert und muss sich sein Essen selbst jagen. Lona versucht, die Situation mit einer kleinen Charmeoffensive zu retten, lächelt ihn an, versucht ihn auf portugiesisch zu fragen, ob er denn englisch versteht. »Bom dia, o senhor, você fala inglês?« Doch dieser schaut immer grimmiger daher, er ist wohl auch nicht sehr erfreut darüber, dass sie zwischen ihm und seinem wenigen Hab und Gut stehen. »Komm, wir verschwinden hier einfach« raunt ihr Fredo zu.

Gerade, als sie sich – mit ein paar beschwichtigenden Gesten begleitend – von der Hütte und ihrem Bewohner wieder in Richtung Strand entfernen wollten, nimmt Lona etwas aus den Augenwinkeln wahr, dass sie stutzig werden lässt. Vor dem Holzverschlag direkt neben ihr steht eine große Kiste, die mit einem Vorhängeschloss gesichert ist. Aus dieser Kiste führt eine Metallkette, die mit der gemauerten Wand verankert ist. Sehr seltsam – was mag da wohl am Ende der Kette sein? Hat er da etwa ein Tier in die Kiste gesperrt? Lona dreht sich ein wenig, um in das etwa 10cm große Loch zu spähen, aus dem die Kette kommt.

Da blickt sie ein kleines, menschliches Auge an.

Lona braucht zwei Sekunden, bis das, was sie sieht, auch in ihrem Kopf angekommen ist und verarbeitet wurde. »Fredo, in der Kiste da ist ein Kind!« Nicht wissend, was Lona ihm sagen will, schaut er erst einmal verdutzt aus der Wäsche, denn er selbst hat die Holzkiste noch nicht zur Kenntnis genommen »Der Arsch hat ein Kind an die Kette gelegt und in die Kiste da eingesperrt!« Langsam begreift Lona, dass diese heruntergekommene Gestalt bemitleidenswert und harmlos aussehen mag, doch vielleicht nicht ganz so ungefährlich ist, wie es den ersten Anschein hatte. Das wird im selben Moment auch Fredo klar, und der schnappt sich einen dicken Ast, der neben ihm an der Hütte lehnt. »Bleib bloß weg«, herrscht er den Mann an, geht mit dem Ast ein paar Schritte auf ihn zu, um ihm zu zeigen, dass er es ernst meint. Doch der hat die Situation wohl erkannt, und als Lona bereits vor der Kiste kniet, sucht er das Weite, humpelt zurück in die Dünen. Auf einem schmalen Trampfelpfad verschwindet er in Richtung Wald. Fredo überlegt noch kurz, ob er ihn verfolgen soll, doch Lona verlangt nach seiner Hilfe, so kommt er gleich wieder von diesem Gedanken ab.

»Wir müssen die Kiste aufbekommen«, ruft ihm Lona zu und so kniet auch Fredo sich hin, um Kiste und Schloss zu inspizieren. Es ist eine massive Transportkiste, mit einem Deckel, wie bei einer Truhe. An der Vorderseite ist ein relativ neues Vorhängeschloss angebracht. Hier in diesem Chaos einen Schlüssel dafür zu finde könnte schwierig werden. Aus der Kiste wimmert es. Das Auge am Loch ist verschwunden, beim Hineinschauen kann Lona nichts als Dunkelheit erkennen. Wenn man es nicht besser wüsste, man würde meinen, dort drinnen wimmert ein kleiner Hund.

»Versuche, sie zu beruhigen. Ich suche etwas um das Schloss aufzubekommen«. Fredo schaut sich in dem ganzen Unrat an, ist sich aber gleich bewusst, dass er für so ein Schloss schon ein anständiges Stemmeisen bräuchte, und sowas hier kaum zu finden sein dürfte. Doch dann sieht er etwas, das er gut gebrauchen könnte: Beim Weglaufen hat der Mann seinen Hasen samt Jagdmesser fallen lassen. Ein erstaunlich hochwertiges Messer, mit stabiler Klinge. Das Schloss würde er damit nicht aufbekommen, dafür aber vielleicht die Beschläge an der alten Kiste.

Während Lona mit ruhiger Stimme irgendwelche Worte in das Loch murmelt, macht sich Fredo an den Scharnieren zu schaffen. Puh, das Holz ist glücklicherweise etwas morsch, so dass es seinen Bemühungen nicht lange stand hält. Nach einigen Minuten sind die Scharniere gelöst, das Schloss ist ab.

Langsam hebt Fredo den Deckel an. Was sie zu sehen bekommen, lässt sie erschauern. In der Kiste kauert ein kleines Mädchen, nur mit T-Shirt und Unterhose bekleidet. Von Kopf bis Fuß verdreckt sitzt sie da, wimmernd und mit geschlossenen Augen. Sie hat offensichtlich große Angst, und so wagt Lona erst nicht, sie zu berühren. »Tudo bem«, versucht Lona ihr zu vermitteln, mit allem, was sie in ihrem kargen portugiesischen Wortschatz finden kann. Sie legt ihre Hand auf das Mädchen, das direkt zu schluchzen beginnt. Instinktiv nimmt Lona sie in den Arm. Die Kleine spürt direkt, dass sie jetzt frei ist, sie schaut Lona mit ihrem tiefschwarzen Augen an und drückt sich fest an sie. »Schau, sie hat die Kette um ihren Fuß«, stellt Fredo fest und macht sich direkt daran zu schaffen. Die Kette ist mit einem Lederriemen am Fuß befestigt, den er nach einigem Säbeln mit dem Jagdmesser durchtrennen kann. Jetzt ist sie wirklich frei! Lona hebt das Mädchen, das vielleicht sieben Jahre alt sein könnte, aus der Kiste heraus. Sie ist so dünn, dass man jeden einzelnen Knochen deutlich spüren kann.

Mo, der sich von der ganzen Aufregung erschrocken in die Düne zurück zog, Kommt nun vorsichtig aus seinem Versteck heraus. Langsam geht er auf Lona zu, die mit dem Mädchen jetzt vor der Hütte sitzt, weg von all dem Müll. Doch sein Interesse gilt alleine der Kleinen. Behutsam schnüffelt er an ihr, stubst mit seiner Nase an ihre Brust, dann macht es Pflatsch, und er liegt vor ihr auf dem Rücken, schwanzwedelnd, und möchte dringlichst gestreichelt werden. Da kann kein Mädchen der Welt wiederstehen, und sie streichelt ihn ganz vorsichtig am Bauch, was Mo mit mehr Schwanzwedeln kommentiert. Das Eis ist gebrochen, doch was nun? »Ganz klar, wir nehmen sie jetzt mit zum Wohnmobil«, meint Lona, was Fredo mit einem Kopfnicken bejaht. »Und zwar schnell, der Typ könnte wieder herkommen, und er weiß auch, wo unser Wohnmobil steht«. Verdammt, daran hatte Lona ja noch überhaupt nicht gedacht.

»Am besten, wir gehen über den Strand zurück« meinte Lona zu Fredo, der sich schon umschaute, ob er den Mann irgendwo sehen könnte. Offenes Gelände, das wäre wohl keine schlechte Idee. Auch, wenn der Typ körperlich beeinträchtigt sein mag, offenbar hat er ein Mädchen gekidnapped und gefangen gehalten. Oder ist es sogar seine eigene Tochter? Egal, solch einem Menschen möchte man nicht wirklich nochmal begegnen. Auf dem Weg zum Wohnmobil tragen sie das Mädchen abwechselnd, denn es ist viel zu schwach um selbst zu gehen. Anstrengende drei Kilometer, in dem weichen Sand kommen sie nur langsam voran. Lona versucht herauszubekommen, wie das Mädchen heißt – doch sie sagt kein Wort. Mit geschlossenen Augen und scheinbar hundemüde lässt sie sich von ihnen einfach nur über den Strand tragen.

Am Wohnmobil angekommen checkt Fredo erst einmal die Lage – niemand ist in Sicht, er hätte aber auch nicht vermutet, dass der Mann schneller als sie hier sein könnte, dürfte sein Bein ihn doch sehr behindern, gerade auf so einer längeren Strecke. Als Fredo das Wohnmobil aufschließen möchte, kommt ein Angler mit seinem Pickup auf den Parkplatz. Schon um die Ecke gefahren bremst er, setzt ein paar Meter zurück, und beobachtet Lona, Fredo und das Mädchen kurz. Dann steigt er aus dem noch fahrenden Wagen aus, und geht zögernd auf sie zu. Lona umfasst das Mädchen instinktiv an den Schultern, als sie den etwas starren Blick des Mannes wahrnimmt. Gehört der zu dem anderen Mann, haben wir jetzt ein richtig großes Problem? Lona spürt, wie die Panik in ihr hochkriecht.

Als er ein leises »Madalena?« herausbringt spürt Lona, wie das Mädchen in ihren Armen reagiert, und sie den Mann anschaut. Einen Moment später reist sie sich von ihr los, und läuft auf den Mann zu. Lona, immer noch etwas verwirrt, weiß erst nicht was sie tun soll. »Tio Nuno!« Schluchzend fällt der Mann auf die Knie, und das Mädchen rennt in seine Arme. Okay, offenbar kennen sich die beiden.

Nachdem der Mann sich wieder gefangen hat und sie feststellen konnten, dass er kein Wort englisch spricht, telefoniert er aufgeregt. Er gestikuliert, dass gleich jemand kommen würde. Und lässt das Mädchen, das offensichtlich Madalena heißt, nicht mehr los. Er redet auf sie ein, doch sie sagt weiterhin kein Wort, weint nur vor sich hin. Doch dieses Mal scheint es ein erlösendes Weinen zu sein.

Lona holt eine Decke aus dem Wohnmobil. Es ist zwar nicht wirklich kalt, doch ist Madalena so dünn, da kann es nicht schaden. Das Glas Milch und ein paar Kekse sind im nu verschwunden. Mehr traut sich Lona ihr nicht zu geben, wer weiß schon was sie wann zuletzt gegessen hat, und was ihr Magen verträgt.

Nach zehn Minuten rast ein Auto daher, kommt direkt vor ihrem Wohnmobil zu stehen und es stürmen zwei Frauen und ein Mann heraus. Alle wollen sie zu Madalena, sie umarmen, abküssen, ihr Gesicht halten und fest an sich drücken. Kurz danach kommen weitere Autos angefahren, auch aus ihnen steigen sehr aufgeregte Menschen aus, die sich offenbar sehr freuen, dass Madalena wieder da ist. Der Mann mit dem Pickup erklärte ihnen, dass er die Kleine hier bei Fredo und Lona am Wohnmobil gesehen hat. Nun richtet sich die Aufmerksamkeit auf sie, und auch sie werden geküsst und umarmt, und man redet auf Portugiesisch auf sie ein, alle durcheinander.

Auch die Polizei weiß offenbar schon Bescheid, denn auch sie kommt angefahren. Nachdem sie sich einen Überblick verschafft haben, und kurz mit Nuno redeten, gehen sie auf Lona und Fredo zu.

Nachdem Lona die Geschehnisse der letzten Stunde erläutert hatte, bringt der englischsprechende Polizist Licht in die Geschichte: Madalena war vor vier Monaten verschwunden. Sie hat mit ihrer Familie einen Tag am Sommertag am Strand verbracht, die Kinder haben im Sand gespielt, und plötzlich war sie verschwunden. Das war direkt hier in der Nähe des Parkplatzes. Alle haben nach ihr gesucht, doch bald musste befürchtet werden, dass Madalena im Meer ertrunken ist. Die Strömungen des Atlantiks können sehr heimtückisch sein, und ein kleines Mädchen hat da kaum eine Chance. Leicht könnte sie von einer Welle erfasst und unter Wasser gezogen werden. Suchhunde und die Küstenwache waren im Einsatz, doch keine Spur von Madalena. Nach einer Woche war alle Hoffnung begraben. Auf die Idee, dass Madalena entführt sein könnte, darauf kam niemand. Die ganze Familie trauerte um Madalena. Nur die Großmutter, sie hielt daran fest, dass ihre Enkelin noch am Leben sei. Ach ja, und der Mann mit dem Pickup, das ist ein entfernter Verwandter, den alle Kinder im Dorf nur »Onkel Nuno« nennen.

Während der eine Polizist ihnen das erzählte, telefonierte der andere in ihrem Streifenwagen. Als er damit fertig war kam er zu ihnen herüber, um die weitere Vorgehensweise abzusprechen. Es wäre Verstärkung angefordert, um nach dem Mann zu suchen, der Madalena gefangen hielt. Fredo erklärt sich bereit, den Polizisten die Hütte zu zeigen und auch, wohin er den Entführer hat hinlaufen sehen. Diese besprechen dies mit der Familie, was zu einer lautstarken, emotionsgeladenen Diskussion unter den Männern führt. Denn diese wollen sich den Kerl selber schnappen. Doch dies wollten die Polizisten nicht zulassen. »Bringt jetzt Madalena nach Hause« kann sich Lona die Anweisung der Polizisten übersetzen. Und mit Unterstützung der etwas vernünftigeren Frauen schaffen sie es auch, dass sich alle in ihre Autos setzen und fortfahren.

»Die Leute aus dem Dorf kennen den Mann. Sie haben ihn schon gesehen, aber nie hat einer mit ihm gesprochen. Sie wussten auch nicht, dass er hier am Strand lebt«, weiß der jüngere Polizist zu berichten. Wenige Minuten später machen sich die zwei Staatshüter zusammen mit Fredo auf den Weg zur Hütte. Lona bleibt alleine mit Mo am Wohnmobil zurück. Plötzlich ist es total ruhig. Noch nicht einmal das Meer hört sie rauschen. Wie unwirklich, nach all diesem Trubel.

Erst einmal zur Ruhe kommen. Sie macht sich eine Tasse Tee, setzt sich vor dem Wohnmobil in die wärmende Sonne. Mo lässt sich neben ihr in den Sand plumpsen und schläft sofort ein. Auch für ihn war die Aufregung groß, in seinem sonst so beschaulichen Hundeleben. Gerade als Lona am wegdösen ist, hört sie es: »klock, klock, klock«.

Wie von einem Skorpion gestochen springt sie aus ihrem Stuhl. Woher kam das Geräusch? Mo registriert ihre Anspannung und weiß, dass da jemand ist. Plötzlich prischt er davon, unterm Wohnmobil hindurch. Lona kann ihn nicht mehr zurück rufen, rennt um das Wohnmobil herum. Und sieht, wie Mo sich in das Holzbein verbissen hat. Der Mann versucht ihn abzuschütteln, ihn mit seinem Gehstock zu treffen.

Lona hat keine andere Chance, sie muss etwas tun. Sie erinnert sich an das Jagdmesser, das Fredo vorhin in den Boden gesteckt hat, gleich zwei Meter links von ihr, neben der Wohnmobiltüre. Sie läuft hin, zieht es aus den Boden und rennt, ohne groß nachzudenken, auf den Mann zu, der immer noch versucht Mo loszuwerden.

Doch sie benötigt es nicht einmal. Der Mann steht schon sehr wackelig auf seinem einen gesunden Bein, so dass ein kräftiger Schupser reicht, und er fällt hinten über, landet unsanft auf dem sandigen Parkplatz. Lona packt sich Mo, nimmt ihn auf den Arm, drei Meter sind es zum Wohnmobil. Mo rein, Türe zu. In ihrer rechten Hand hat sie immer noch das Messer. Damit baut sie sich vor dem am Boden liegenden Mann auf, macht ihm so klar: du bleibst hier liegen. Als er sich doch aufrappeln will genügt ein »Nao«, und er lässt sich auf den Rücken fallen.

Was nun? Fredo anrufen, dass er mit den Polizisten schnell wieder herkommt? Etwas zum Fesseln suchen? Dazu müsste sie ins Wohnmobil gehen, ihn dabei aus den Augen lassen. Noch während Lona über ihre nächsten Schritte nachdenkt, dabei versucht sicher zu wirken, kommt schon Erlösung. Zwei Polizei-Jeeps fahren auf den Parkplatz.

Sofort springen vier Polizisten aus den Fahrzeugen, mit gezückter Waffe, nicht wissend, was für eine Situation sie vor sich finden. Lona lässt sofort das Messer fallen, hebt die Arme und geht drei Schritte zurück. Sie zeigt auf den Mann und sagt nur »Kidnapper«. Das müsste doch auch ein Portugiese verstehen, oder? Tatsächlich begreifen die Polizisten schnell, wobei das Holzbein wohl recht eindeutige Indizien dafür liefert, wer da vor ihnen auf dem Boden liegt. Schnell sind die Handschellen angelegt, und der Entführer wird ins Auto verfrachtet. Über Funk verständigen sie die Kollegen, die mit Fredo in den Dünen unterwegs sind.

Eine halbe Stunde später ist der ganze Spuk vorbei. Der Parkplatz ist wieder so menschenleer wie die Tage zuvor. Madalena ist wieder zu Hause bei ihrer Familie, nach drei langen Monaten. Was ihr wohl in dieser Zeit widerfahren ist? Ganz klar, ein Mensch, der so etwas tut, ist krank. Aber ist es auch ein Perverser, der sich an kleinen Mädchen vergriffen hat? Man kann nur hoffen, dass das Mädchen über diese Episode in ihrem noch so jungen Mädchen hinweg kommen wird. Lona und Fredo atmen erst einmal durch. Der Entführer sitzt fest, und sie bleiben noch ein paar Tage, auch weil die Polizei nochmal mit ihnen sprechen will.

Am nächsten Nachmittag kommt ein Auto her gefahren. Onkel Nuno bringt den Vater und die Tante von Madalena. Sie wollen sich bedanken – nicht auszudenken, wie lange das kleine Mädchen noch unbemerkt in der Hütte am Strand gefangen gewesen wäre. Als Dank bringen sie einen riesigen Geschenkkorb mit portugiesischen Leckereien mit. Das halbe Dorf hat etwas dazu beigesteuert, denn die Familie selbst hat nicht viel. Und als Madalena vor drei Monaten spurlos verschwand und alle sie für tot hielten, hat der Vater auch noch seinen Job verloren. Er hat Tag und Nacht um sein Kind getrauert, konnte einfach nicht mehr arbeiten. Doch jetzt hat er neuen Lebensmut gefasst, jetzt kann das Leben weiter gehen.
Inzwischen hat Madalena ihre Geschichte erzählt. Ebenso wie der Entführer.

Madalena hat mit ihren Cousins am Strand gespielt. Während die beiden Jungs dann lieber Fußball spielen wollten, hatte Madalena dazu keine Lust, und hat sich ein bisschen in den Dünen rumgetrieben. Dort hat sie zwei Kaninchen entdeckt, denen sie hinterher gelaufen ist. Bis sie plötzlich an der Hütte am Strand landete. Neugierig hat sie sich umgesehen, und da saß dieser Mann vor der Hütte. Er hat gerade Fische ausgenommen, und sie hat ihm fasziniert dabei zugesehen. So winkte er sie zu sich her und zeigte ihr, wie man einen Fisch ausnimmt. Sie haben sich ein wenig unterhalten, dann wollte er ihr ein Geschenk machen. Sie sollte zu der Kiste gehen und ihm das Lederband bringen. Er konnte ja nicht so gut laufen, also hat sie das gemacht. Er hat ihr das Lederband eng um das Handgelenk gebunden, eine Kette dran gemacht und gesagt »Jetzt gehörst du zu mir«.

Sie sollte ein liebes Mädchen sein. Wenn sie weinte oder schrie hat er sie sofort in die Kiste gesperrt. Gleich am ersten Tag für mehrere Stunden. So hat sie schnell gelernt, dass es nicht gut ist zu weinen. Solange sie ein liebes Mädchen war, bekam sie Wasser und was zu essen. So hat sie drei Monate an der Hütte in den Dünen verbracht, ohne einen anderen Menschen zu sehen oder zu hören. Ohne Wasser, um sich zu waschen, ohne viel zu reden. Denn der Mann hat nicht mit ihr geredet. Er wollte einfach nur, dass sie da ist. Und so lebte sie vor sich hin, wie ein Hund an der Kette.

Die Hütte gehörte einmal der Familie des Mannes. In besseren Zeiten diente sie als Ferienhäuschen, doch diese Zeiten waren längst vorbei. Er hatte ein Holzbein, eine uralte Prothese, da er keine Krankenversicherung hatte. Er war isoliert, hatte in seinem Leben noch nie einen richtigen Job, seine Familie hatte ihn längst verstoßen, wohnte viele Kilometer von hier entfernt. Da erinnerte er sich an die Hütte am Strand, und zog hier einfach ein, vor etwa zehn Monaten.

Als er das Mädchen in den Dünen sah, wie sie ihn beobachtete, dachte er sich sofort, dass etwas Gesellschaft ganz nett wäre. Und so lieb und vorurteilsfrei das Mädchen mit ihm umgegangen ist, konnte er einfach nicht anders. Er musste sie behalten. Und so tat er das einfach. Er sorgte dafür, dass sie nicht weglaufen konnte. Er sorgte für sie, indem er ihr etwas zu trinken und essen gab. Jetzt war sie da, und er nicht mehr alleine.

»Wir denken nicht, dass es zu einem Prozess kommen wird«, meinte die englisch sprechende Tante zu ihnen. Der Entführer hat eine Persönlichkeitsstörung, sie wurde bereits vor Jahren attestiert. Er war wohl nicht einmal seiner eigenen Familie geheuer. Sie hatten Angst, und ihn deshalb aus dem Elternhaus geworfen. Wenn ein psychologischer Gutachter dies bestätigt, dann dürfte er wohl nicht im Gefängnis landen, sondern direkt in der Psychiatrie verwahrt werden.

Lona und Fredo packen am nächsten Tag ihre Sachen. Irgendwie hat dieser schöne Strand seine Unschuld verloren. So ziehen sie weiter. Mal schauen, was der nächste Strand so bringt. Und ob sich auch da eine Hütte findet.


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Die zweite Kurzgeschichte mit Fredo und Lona, viel Spaß beim Lesen!


»Was man wohl tun muss, damit diese Tätigkeit einen meditativen Effekt hat?« murmelt Lona leise vor sich hin, während sie den Abwasch macht. Wenn sie an ihrem Leben im Wohnmobil etwas vermisst, dann ist es definitiv die Spülmaschine. Jetzt hat man seine Alltagspflichten mit der Aufgabe einer Wohnung schon aufs Minimum reduziert, und was ist übrigen geblieben? Die unliebsamste Arbeit überhaupt.

Doch draußen regnet es, das erste Mal seit Wochen, und während Fredo das Fahrerhaus ihres Wohnmobils mit Staubsauger und Putztuch wieder zum Glänzen bringt macht sie eben die Küche. Aus der Box dröhnt ihre Lieblingsplaylist, was das Ganze einigermaßen erträglich macht. Es gibt dennoch Schöneres, wie man einen Tag ausklingen lassen könnte. Wie gestern Abend mit einem Glas Rotwein vor dem Wohnmobil sitzen, portugiesische Schnulzenmusik hören, der Sonne bei ihrem Untergang zuschauen, bewundern wie sich die Farben über dem See alle paar Minuten neu ordnen. Zwischendurch ein paar Grillen damit drohen, dass sie bald einen Korken auf ihr Erdloch bekommen, wenn sie nicht ganz schnell das Zirpen einstellen.

Ein Knall reißt Lona aus ihren Gedanken. Sie stehen mit ihrem Wohnmobil im Nirgendwo, an einem einsam gelegenen See mitten in Portugal. Innerhalb der nächsten Kilometer gibt es nur einen Schafsstall, die Staumauer und zwei, drei verlassene Ruinen. Nichts, was so einen Krach machen könnte. Doch musste es etwas ganz in ihrer Nähe sein, so laut wie der Knall war. Hat irgendwo ein Blitz eingeschlagen? Kann eigentlich nicht sein, denn es regnet zwar, doch gehören zu einem anständigen Gewitter immer noch Blitz und Donner. »Da vorne, da brennt was!« meldet Fredo aus dem Fahrerhaus, von wo aus er den besseren Rundumblick hat. »Das ist die Ruine auf der Landzunge«. Doch wie kann das sein, der erste Regen seit Wochen, und ausgerechnet jetzt geht die alte Hütte in Flammen auf? Vor ein paar Tagen waren sie noch dort, ein altes Steinhaus, mit ein paar Dachbalken und trockene Wiese drumherum. Immerhin, dank dem Regen kann sich jetzt kein Flächenbrand entwickeln. »Ähm, was sollen wir tun, die Feuerwehr anzurufen kann wohl nicht schaden, oder?« meint Fredo, und sein Blick sagt, was Lona ebenfalls denkt: Ja, müsste man wohl, auch wenn es nicht viel nützen wird. Denn bis die hierhergefunde hat dürften das bisschen Holz längst verbrannt sein.

Gerade, als sie zum Telefon greifen will sehen sie ein Auto, das über Schotterpiste in Richtung der brennenden Ruine fährt. Gut, es scheint sich ein Einheimischer der Sache anzunehmen. Es wird immer dunkler, die Sonne ist vor zwanzig Minuten untergegangen, das Feuer jetzt gut sichtbar. Erstaunlich, wie lichterloh ein paar alte Holzbalken brennen können.

Rodrigo parkt seinen Jeep direkt vor seinem Haus und schlägt auf das Lenkrad ein. Wie dumm kann man sein, bitteschön? Dass er nochmal zurück zur bereits brennenden Ruine fahren musste könnte ihm nun zum Verhängnis werden. Dabei war das alles so nicht geplant. Er hatte sich mit Tomas, dem Besitzer des sechs Hektar großen Grundstücks am Seeufer dort verabredet um nochmal über den Kauf zu sprechen. Doch Tomas hatte sich immer noch geweigert ihm sein Elternhaus zu verkaufen. So ein sentimentaler Sturkopf, das hat er jetzt davon.

An die letzten Stunden kann sich Rodrigo nur wie durch einen Schleier erinnern. Ihr Gespräch um das Grundstück verkam irgendwann zu einem Streit, und plötzlich hatte er einen morschen Balken in der Hand, den er Tomas gegen den Kopf schleuderte. War das Mord? Oder Totschlag? Oder Notwehr? Das musste er mit sich ausmachen, und auf keinen Fall wollte er, dass die Justiz über sein Schicksal entscheidet. Deshalb hatte er das Feuer in der alten Ruine gelegt. Und weil ausgerechnet jetzt der Regen einsetzte noch mit einem Kanister Benzin nachgeholfen, so dass auch wirklich jede Spur seiner Tat verwischt wurde. Nein, das war bestimmt kein Mord, das war ja schließlich nicht geplant. Schnell hatten die morschen Dachbalken Feuer gefangen, und trotz Regen brannte alles lichterloh. Diesen Geruch von verbranntem Fleisch, den wird er nie vergessen.  

Nach einigen Minuten der Schockstarre lief er zurück zu seinem Haus, gerade einmal zwei Kilometer entfernt. Gut, dass er zu Fuß hergekommen war, so konnte er seinen Kopf auf dem Nachhauseweg frei bekommen. Kaum konnte er einen klaren Gedanken fassen wurden ihm die Schwachpunkte seiner Vertuschungsaktion bewusst. Tomas Auto war voll von seinen Fingerabdrücken. Und nichts deutete darauf hin, dass sich Tomas etwas antun wollte – und wenn nichts auf einen Selbstmord hinweist, findet dann nicht automatisch eine Mordermittlung statt? Die letzten hundert Meter zu seinem Haus rannte er. Um, dort angekommen, direkt in seinen Jeep zu steigen und zur brennenden Ruine am See zu rasen.

Lona und Fredo beobachten das Auto, wie es einige Meter vor dem Feuer zum Stehen kommt. Um zu erkennen ob jemand ausstieg, dafür war es bereits zu dunkel. Langsam wurden die Flammen kleiner, und als das Auto nach fünf Minuten wieder fuhr, war es schon fast gelöscht, nur noch ein Glimmen war durch den Regen zu erkennen. Alles im grünen Bereich, zumindest besteht kein Risiko mehr, dass sich das Feuer auf die umliegende Wiese ausweiten könnte. Also noch einen Kräuterlikör auf den Schrecken, und dann ab ins Bett. Sie würden sich die Sache morgen früh genauer anschauen, und dann einfach mal bei der Polizei anrufen – sicher ist sicher.

Der nächste Tag beginnt eher als gedacht. Denn wo sie die vergangenen Tage völlig unbehelligt und absolut abgeschieden am See standen, kommen bereits am frühen Morgen mehr Autos vorbei als in der gesamten letzten Woche. Nur zwanzig Meter an ihrem Wohnmobil vorbei steuern sie auf die Ruine zu, die jetzt schwarz vor Ruß ist. Ein Feuerwehrwagen, sowie ein Fahrzeug der GNR, der portugiesischen Polizei, stehen nun dort, wo gestern Abend das Auto hielt. “Was ist da los? So ein Aufgebot wegen eines längst erloschenen Feuers in der Bruchbude?” fragt Fredo mehr sich als Lona, noch ehe sie aus dem Bett springen. Da dauert es auch nur wenige Minuten, bis das Polizeifahrzeug zu ihnen rüber fährt und sich ein Polizist mittleren Alters in GNR-Uniform bei ihnen vorstellt.

»Bom dia, guten Tag« begrüßt er sie. Ein Blick auf ihr Nummernschild veranlasst ihn dazu, sich erst nach ihren portugiesischen, dann nach ihren englischen Sprachkenntnissen zu erkundigen. Englisch können alle, so dass er in dieser Sprache fortfährt. »Haben Sie etwas von dem Feuer mitbekommen, können Sie mir etwas dazu sagen?« Da Lona als PR-Managerin nicht nur besseres Englisch sondern auch Storytelling kann, übernimmt sie die Aufgabe ihm von ihren Beobachtungen des gestrigen Abends zu erzählen. Bei der Erwähnung des Autos wird er hellhörig. »Können Sie mir sagen, was für ein Auto das war?« fragt er Lona, was sie wiederum ebenso aufhören lässt. »Nein, tut mir leid, dazu war es zu dunkel. Wir haben auch mehr die Scheinwerfer gesehen als das Auto selbst. Warum interessiert sich die GNR denn für diese alte Hütte? Beim Brand dürfte doch nicht wirklich ein Schaden entstanden sein?« Langsam beschlich Lona das Gefühl, dass es ein Fehler war, nicht sofort den Notruf zu wählen. Scheinbar sind die paar alten Steine von größerem Interesse als sie beide vermutet hatten. »Wir haben in der Ruine die Überreste einer verbrannten Leiche gefunden.« Oh nein. Damit hätten sie ja als Letztes gerechnet. »Der Ziegenhirte hat auf seiner Runde heute Morgen das Auto seines Nachbarn neben der Brandruine entdeckt und hat sich die Sache darauf hin näher angesehen. Und uns dann angerufen. Wir wissen noch nicht, ob es wirklich der Nachbar war, und ob er Selbstmord begangen hat, es sieht jedoch sehr danach aus. Zumal wir auch einen Abschiedsbrief im Fahrzeug gefunden haben. Und die Ruine wohl ihm gehörte. «

Da der Polizist nicht fragte warum sie beim Entdecken des Feuers nicht gleich die Feuerwehr gerufen hätten, sprach auch Lona dieses Thema einfach nicht an. Mit dem Ankommen weiterer Fahrzeuge, die amtlich aussahen, verabschiedete er sich mit dem Hinweis, dass er später nochmals vorbeikommen und ihre Aussage aufnehmen wollte. »Wir sind hier«, entgegnete ihm Lona.

Rodrigo war hin und her gerissen. Aus seinem Küchenfenster konnte er die vergangene Stunde beobachten, wie immer mehr Fahrzeuge in Richtung See fuhren: erst die GNR, dann Feuerwehr, Krankenwagen und weitere Fahrzeuge, ohne offizielle Aufkleber, aber offiziell aussehend. Als neugieriger Anwohner müsste er sich auf den Weg machen um nachzusehen, was da so los ist. Schließlich sieht man hier in der Einöde nicht allzu oft irgendwelche Staatsvertreter, so dass wirklich etwas passiert sein müsste. Aber er wusste ja bereits was geschehen ist – und war sich inzwischen auch sicher, dass Tomas Leiche nicht vollständig verbrannte und von Jemandem gefunden wurde. Das war bestimmt Joao, der alte Hirte, der seine Schafe im Sommer immer früh morgens um den See treibt, bevor die Hitze den Tieren allzu sehr zusetzt. Er überlegt was jetzt zu tun ist, bis er es nicht mehr aushält, sich in sein Auto setzt und an den See fährt. Jedoch nicht zur Ruine, sondern auf eine Landzunge weiter, wo er einen guten Blick auf das Geschehen haben würde.

Fünf Minuten später ist der Schrecken groß – genau hier steht ja ein Wohnmobil! Mit bestem Blick auf den Ort, wo er gestern seinem Nachbarn Tomas einen Stück Holz über den Kopf gezogen hat. Sie könnten alles beobachtet haben, vor allem aber das Feuer müssen sie gesehen haben – und, dass er nochmals mit dem Jeep hergefahren kam um seine Spuren zu verwischen. Besser, er macht sich jetzt erst einmal aus dem Staub, bevor sie sein Auto – oder sogar ihn – wiedererkennen. Er sollte jetzt erst einmal in Ruhe darüber nachdenken, was als nächstes zu tun ist. Hier und jetzt kann er ohnehin nicht viel tun, zu viel Polizei tummelt sich heute am See.

Den Tag über verbrachten Lona und Fredo am Wohnmobil. Beobachteten, wie Ermittler und Spurensicherer den Bereich rund um die Ruine abstecken, in weißen Papieranzügen herumliefen, diskutierten, Proben nahmen, die Überreste abtransportiert wurden. Am späten Nachmittag schließlich kam der Polizist wieder zu ihnen um ihre Aussage aufzunehmen. »Ein ganz schöner Aufwand für einen Selbstmord« merkte Lona direkt an, während er in ihrem Wohnmobil Platz nahm und sie Kaffee kochte. »Weil es inzwischen nicht mehr nach Selbstmord aussieht« entgegnete er ihr trocken. Lonas fragender Blick ließ ihn einmal tief durchatmen, er wirkte erschöpft. »Brandbeschleuniger sowie eine massive Schädelfraktur lässt darauf schließen, dass es kein Selbstmord war. Man kann sich nicht selbst den Kopf einschlagen. Und sich hinterher selbst mit Benzin übergießen.«

Nachdem ihre Aussage aufgenommen und der Polizist wieder gegangen war, beratschlagten Lona und Fredo, was sie nun tun sollten. Es wurde bereits dunkel, und sie sollten für weitere Fragen noch in der Gegend bleiben. So beschlossen sie, die heutige Nacht noch hier zu verbringen. Schließlich war das momentan die sicherste Ecke Portugals, denn es wurde ein Streifenwagen abgestellt. Als Nachtwache für den Tatort, die auch automatisch ihr Wohnmobil im Blick haben würde. Am nächsten Morgen wollten sie dann aber einfach nur weg hier. Schließlich scheint es, als dass ein Mörder hier sein Unwesen treibt. Und es scheint auch, dass das Auto am vergangenen Abend etwas damit zu tun haben könnte.

Rodrigo zermarterte sich schon den ganzen Tag über den Kopf. Es gibt keine Spuren von ihm an der Ruine, auch weiß niemand, dass er Tomas das Grundstück abkaufen wollte. Ansonsten hatte er ohnehin nicht viel mit ihm zu tun, so dass keine Spur zu ihm führt. Das einzige Problem sind diese Touristen im Wohnmobil, denn er weiß nicht was sie gesehen haben. Was müssen die sich auch gerade dorthin stellen. Der See hat so viele Landzungen, und die stehen ausgerechnet auf der einzigen mit Blick auf die Ruine. Wenn sie ihn und sein Auto gesehen haben sollten, dann müsste er dafür sorgen, dass sie ihn nicht identifizieren können. Und er war sich sicher, dass die Polizei auch ihn unter die Lupe nehmen würde – gehörte er doch zu den paar Nachbarn, die Tomas hatte. Und anhand des großen Aufgebots an Spurensicherung und Polizei scheinen diese durchaus an ein Gewaltverbrechen zu denken. Möchte er also auf Nummer sicher gehen muss er dafür sorgen, dass die Leute in dem Wohnmobil ihn nicht gegen ihn aussagen. Nur wie?

Am Abend sitzen Lona und Fredo mit einem Glas Wein vor dem Wohnmobil. Der Rauch hatte sich längst verzogen, die Luft ist angenehm mild, der Sternenhimmel zeigt sich von seiner besten Seite. Ein Abend, als wäre nichts geschehen. Und doch trinken sie das zweite Glas Wein nicht, weil es so gut schmeckt – sondern vielmehr in der Hoffnung, dass sie dadurch besser schlafen werden. Denn der Einzige, der diese ganze Aktion mit stoischer Ruhe durchstand, war Mo. Beneidenswert, wie ein Hund so losgelöst vom Weltgeschehen sei Leben leben kann. Gegen Mitternacht ist die Flasche leer, und sie machen sich auf ins Bett. Doch der Wein war wohl nicht genug, weder Fredo noch Lona finden in den Schlaf. Das scheint sogar Mo unruhig werden zu lassen, denn er wälzt sich ebenso hin und her.

Gegen zwei Uhr am Morgen gibt Fredo das Vorhaben einer Nachtruhe auf zieht sich an um etwas an die frische Luft zu gehen, was Lona im Halbschlaf nur vage mitbekommt. Und so nimmt sie auch nicht wahr, wie Fredo aus dem Wohnmobil steigt, und direkt mit einer Taschenlampe einen übergebraten bekommt, sofort zu Boden geht und dort bewusstlos liegen bleibt.

Er hatte extra noch zwei Stunden gewartet, nachdem im Wohnmobil das Licht ausging und seinen Plan noch einmal durchdacht. Zeugen konnte er einfach nicht gebrauchen, also mussten sie weg. Egal, wie er es anstellen würde, der Polizei wäre sofort klar, dass beide Taten zusammen hängen. Also kann er es auch gleich offensichtlich machen. Als er sich sicher war, dass das Paar tief und fest schläft, kam er hinter dem Wäldchen hervor und machte sich auf die letzten fünfzig Meter zum Wohnmobil. Gerade dort angekommen geht die Tür auf. Instinktiv greift er nach seiner Taschenlampe, trat von hinten an die Person, die gerade ausgestiegen ist heran, und schlägt zu. So eine verdammte Scheiße! Der Mann geht sofort zu Boden und regt sich nicht mehr. Auch von innen ist kein Geräusch zu hören, die Frau muss wohl schlafen. Was sollte er jetzt tun?

Der Typ musste unbedingt wieder rein ins Wohnmobil. Nur dann könnte sein Plan aufgehen. Er war nicht allzu groß oder schwer, Rodrigo hingegen kräftig, also macht er sich daran, sich Fredo über die Schulter zu legen. Schnell die Türe aufmachen, reingehen, ihn einfach irgendwo absetzen oder ablegen, schnell wieder raus, die Türe von außen verrammeln, und das alles möglichst geräuschlos.

Zumindest die erste Hälfte seines Plans ging auf …

Als Lona wach wurde merkt sie, dass Fredo nicht mehr an ihrer Seite liegt. Ein Blick in den Wohnbereich sagt ihr, dass Mo auf seinem Platz schlief, von Fredo allerdings nicht zu sehen war. Sie kannte das schon, immer wenn er nicht schlafen konnte, ging er eine Runde spazieren. Und heute Nacht war ja nicht wirklich an einen erholsamen Schlaf zu denken. Da ging die Türe auf, und die Trittstufe knarrte. Eine Sekunde später war Lona wie erstarrt. Denn das war nicht Fredo, sondern Jemand großes, stämmiges, kam die Türe hinein, und er trug etwas Großes auf den Schultern. Mehr konnte sie nicht erkennen.

In dem Moment erfasste auch Mo, dass hier jemand Fremdes in sein Zuhause eingedrungen war. Von Null auf Hundert fängt er an, einen riesen Radau zu machen. Hysterisch bellt er den Eindringling an, schnappt nach seinen Beinen, geht vor und zurück. Der Eindringling lässt seine Last erschrocken fallen, und in diesem Moment reagiert Lona in Sekundenschnelle, greift sich das Pfefferspray, springt aus dem Bett, landet auf der Eckbank und sprüht dem Fremden eine volle Ladung ins Gesicht. Dieser hält sich schreiend die Hände vor die Augen, so dass Lona ihn durch die noch offene Wohnmobiltüre ins Freie schupsen kann. Schnell macht sie die Türe zu uns das Licht an. Dann erkennt sie, dass es Fredo ist, der vor ihr auf dem Boden liegt, sein Kopf mit Blut überströmt.

Lona merkt, wie die Panik in ihr aufsteigt. Ist die Gefahr gebannt, konnte sie den Typen in die Flucht schlagen? Fredo ist nicht bei Bewusstsein, stöhnt aber leise vor sich hin, als sie ihm ein Tuch auf die Wunde am Hinterkopf drückt um die Blutung zu stillen. Was sollte sie jetzt nur tun?

In dem Moment erinnert sie sich an die Polizeistreife, die noch an der Ruine stehen musste. Instinktiv weiß sie, was zu tun ist. Macht alle Lichter an, inklusive der Außenbeleuchtung, geht ins Fahrerhaus, macht auch die Scheinwerfer an. In dem Moment sieht sie, dass der Mann vor dem Wohnmobil steht, sich immer noch die Augen reibt, vom Licht der Scheinwerfer erfasst wird und wegtorkelt. Sie drückt einfach nur auf die Hupe. Das müssen die Polizisten einfach hören! Und tatsächlich, nur wenige Sekunden später sieht sie in der Ferne Scheinwerfer angehen und schnell näher kommen. Jetzt kann sie sich wieder um Fredo kümmern, der immer noch stöhnend am Boden liegt.

Als Rodrigo wieder aufwachte war ihm sofort klar, dass er geliefert ist. Er fand sich in einem Krankenhauszimmer wieder, mit Handschellen ans Bett gefesselt. Auf dem Stuhl vor ihm sitzt ein Polizist, der auf sein Smartphone starrte. Wie genau er hierher kam, keine Ahnung. Nachdem er aus dem Wohnmobil gestoßen wurde und mit brennenden Augen quasi Blind plötzlich in gleisendem Licht stand versuchte er von dort wegzukommen. Wusste aber nicht, in welche Richtung er laufen sollte, und merkte nur noch, wie er erst angeschrien und dann überwältigt wurde. An das, was danach kam, hatte er keine Erinnerung mehr. Seine Augen schmerzten immer noch, und so schließt er sie einfach wieder. Das waren die schlimmsten zwei Tage seines Lebens. Und er wusste, dass noch viele weitere schlimme Tage kommen würden.

Lona hatte ihren Stuhl nahe an das Krankenhausbett zogen, in dem Fredo lag. Sie hatten ihm Beruhigungsmittel gegeben und ihn untersucht, einen Gehirnscan gemacht. Bis auf eine anständige Gehirnerschütterung scheint sein Kopf wohl nichts abgekommen zu haben, er musste sich jetzt einfach nur mal richtig ausschlafen. Die Ärzte vergewisserten ihr, dass nichts zurück bleiben würde. Am späten Vormittag kam der Polizist von gestern rein und sie gingen auf den Flur, um sich zu unterhalten.

»Da haben Sie wirklich Glück gehabt« begann er seine Ausführungen. »Wir konnten den Täter zwischenzeitlich vernehmen, und er hat alles gestanden.« Als Rodrigo vor zwei Wochen nahe der Ruine ein paar größere Felsbrocken in sein Auto verladen wollte um damit ein Mäuerchen auf seinem Land auszubauen entdeckte er etwas Aufregendes: Gold. Und wo schon an der Oberfläche etwas Gold zu finden war, da musste sich im Boden noch viel mehr verstecken. Deshalb wollte er von Tomas das Grundstück am See kaufen, doch dieser war einfach nicht zu einem Verkauf zu bewegen. So kam es zum Streit, der damit endete, dass Tomas erst erschlagen und dann verbrannt wurde. Danach kam Rodrigo nochmals zur Ruine, um in Tomas Auto einen Abschiedsbrief zu platzieren, und seine Fingerabdrücke zu verwischen. Am nächsten Tag befürchtete er, dass sie vom Wohnmobil aus alles beobachtet hatten – und beschloss, ihr Wohnmobil abzufackeln – während sie darin schliefen. Wäre Fredo nicht ausgerechnet um diese Zeit nach draußen gegangen, sie wären in ihrem eigenen Wohnmobil gefangen gewesen und ein Opfer der Flammen geworden. Die Polizei fand zwei Kanister mit Benzin vor dem Wohnmobil stehend, außerdem einen großen Holzpfosten der wohl dafür gedacht war die Wohnmobiltüre von außen zu verbarrikadieren. Selbst wenn sie das Feuer noch bemerkt hätten, eine Flucht wäre kaum noch möglich gewesen.

Zwei Stunden später wacht Fredo auf. Lona sitzt neben seinem Bett auf dem Stuhl, kaum zu mehr fähig als einfach nur kraftlos zu lächeln. »Wollen wir ans Meer fahren?«


Kennst du schon… ?

Dies war meine zweite Kurzgeschichte, die erste findest du hier: Tod am Bambusbach, und es gibt auch schon eine dritte: Die Hütte am Strand


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Meine erste Kurzgeschichte, ein Reisekrimi mit Lona und Fredo in der Hauptrolle. Viel Spaß beim Lesen! Tanja.


Seit zwei Wochen standen Lona und Fredo nun mit ihrem Wohnmobil auf einer Wiese an diesem Bach. Eine schöne Zeit, voller Einsamkeit und Ruhe – am Morgen das Zwitschern der Vögel, abends das Zirpen der Grillen. Beides ein Indiz dafür, dass der Frühling an der Algarve bereits Einzug gehalten hatte. Jeden Tag wurde dieses kleine Paradies, in dem sie standen, etwas grüner. Und auch das von großen Bambushecken umsäumte Bachufer bekam langsam Farbe. Zusammen mit ihrem Hund Mo verbrachten Lona und Fredo hier eine angenehme Zeit – doch diese sollte ein jähes Ende nehmen.

Am Abend saßen sie bei einem Glas Wein zusammen um sich Gedanken über ihr nächstes Ziel zu machen. Am Samstagmorgen nach Loulé auf den Wochenmarkt, danach an die Südküste, mal wieder den tollen Strand von Falesia genießen – das klang nach einem wirklich guten Plan. Zumal die Temperaturen in den vergangenen Tagen immer weiter angestiegen sind, so dass sie auch gegen zehn Uhr am Abend noch mit offenem Fenster und in kurzen Hosen vor ihrem Wohnmobil sitzen konnten. So stellten sie sich ihre Überwinterung an der Algarve vor: möglichst viel Zeit draußen an der frischen Luft verbringen, in absoluter Ruhe und wunderschöner Natur. Und das nicht erst im Rentenalter – denn während man Mo mit seinen zehn Jahren durchaus schon betagt betiteln konnte, sind Lona und Fredo erst Mitte dreißig. Recht jung, und doch schon alt genug um eines zu wissen: für kalte, deutsche Winter ist das Leben einfach zu kurz.

In den vergangenen zwei Wochen bekamen sie an ihrem „Bambusbach“ mehr Tiere als Menschen zu sehen. Was auch daran lag, dass höchstens ein paar Hundebesitzer hier herunter fuhren um ihrem Rudel etwas Spaß im Bach zu gönnen. Ansonsten kamen noch ein paar Wanderer oder Quadfahrer vorbei. Umso erstaunter waren sie, als sie nun ein Auto heranfahren hörten.

Vielmehr hörte es sich wie ein Pickup an, angesichts des etwas unruhigen Motorengeräuschs ein eher älteres Modell, wie er von vielen
Portugiesen auf dem Lande gefahren wird. Imker, Jäger und Olivenbauern kamen hier immer wieder mal vorbei, aber um diese Uhrzeit? Oder stattete jetzt doch noch der – ihnen unbekannte – Besitzer der Wiese, auf der sie mit ihrem Wohnmobil stehen, einen Besuch ab? Scheinbar nicht, denn das Fahrzeug bog links ab, fuhr den Bach aufwärts entlang, auf der halb zugewachsenen Holperpiste. Er musste wohl auf der Wiese mit den Olivenbäumen halten, denn weiter konnte man selbst mit einem Pickup nicht kommen, war doch runderhum alles zugewuchert. Links die Büsche, rechts die Bambushecken und der Bach.

Er musste also höchstens 100 Meter von ihnen entfernt zum Stehen gekommen sein und dort tun, was auch immer er tut. Sie hörten es klappern, poltern und fluchen – jemand hatte zu später Stunde wohl noch zu arbeiten, im Licht seiner Scheinwerfer. Ob da Jemandem wohl das Feuerholz ausgegangen ist? Oder unerlaubter Weise seine Fallen zur Wilderei auslegt? Noch während Lona und Fredo darüber spekulierten was dort hinten wohl vor sich ging war der ganze Spuk schon wieder vorbei: Noch ein Türenschlagen, der Motor spring wieder an, der Pickup fuhr auf dem gleichen Wege davon wie er gekommen war. Sehen konnte der Fahrer sie kaum, standen sie doch nicht zufällig hinter einigen Büschen und Bäumen, so dass ihr Wohnmobil von der Straße aus nicht zu entdecken war. Ehe es zu Bett ging nahmen sich noch vor, am nächsten Tag nachzusehen, denn die Neugierde war geweckt …

Am nächsten Morgen war Lona früh wach. Ihr erster Gedanke galt den Ereignissen letzter Nacht. Warum, konnte sie sich nicht erklären, so machte sie sich zusammen mit Mo einfach auf den Weg zur morgendlichen Gassirunde, während Fredo noch tief schlief. Lag die Stelle, wo der Pickup stand, doch ohnehin auf dem übliche Route für ersten Spaziergang des Tages, da konnte sie gleich nachsehen gehen ob es was zu sehen gab. Fünf Minuten später wurde Lona auch direkt fündig. Die frischen Reifenspuren zeigten ihr den Weg zum Rand der Wiese mit den Olivenbäumen. Etwas ratlos stand sie vor einer Anhäufung von frischer Erde und Steinen. Was bitteschön sollte das denn werden?

Zwischenzeitlich konnte sich auch Mo vom nahe stehenden Baum losreisen und nahm die neue, etwas ungewöhnliche Landschaftsgestaltung ebenfalls in Augenschein, allerdings nutzte er seine Nase dazu. Die ist gerade bei einem älteren Hund ja ohnehin besser als die Augen es jemals waren. Und da wurde Mo plötzlich sehr unruhig. Er musste etwas riechen, was seine tierischen Instinkte in Wallung brachte. Nur mit großer Mühe konnte Lona ihren mittlerweile sehr aufgeregten Hund davon abhalten in dem Erdhaufen zwischen den Steinen zu wühlen. Doch die ersten fünf Sekunden hatten schon ausgereicht, um sie erstarren zu lassen. Sie zog Mo schnell weg um einen zweiten Blick zu wagen. Ist das … ein Fuß? Während sie mit der linken Hand Mo am Halsband festhielt griff sie sich mit der freien Hand einen kleinen Stock, um etwas lose Erde zur Seite zu fegen. Tatsächlich, ein Fuß. Mit rot lackierten Zehen.

Ziemlich verstört lief Lona zurück zum Wohnmobil, Mo hinter sich herziehend. Sie wagte es nicht ihn loszulassen, könnte er doch umkehren und weiter graben. Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Hat ihr gestern Nacht jemand eine Leiche verbuddelt, direkt neben uns? Oder war die Frau vielleicht sogar noch am Leben? Ins Wohnmobil stürmend sah sie, dass Fredo bereits aufgestanden ist und sich gerade anschickte, die Kaffeemaschine in Gang zu setzen. „Da liegt eine Leiche!“, eine Information am frühen Morgen, die Fredo zwar gehört, aber in den ersten Sekunden kaum verarbeiten konnte. „Echt jetzt, eine Leiche! Da schaut ein Fuß raus, von einer Frau, mit lackierten Zehen!“ brachte die Kaffeetasse, die Fredo eben noch in der Hand hatte, zum Abstürzen.

Noch ehe sie wirklich beratschlagen konnten was als Nächstes zu tun war, wählte Lona die 112, die Nummer für Notrufe aller Art hier in Portugal. Nachdem sie sich vergewisserte, dass ihr Gegenüber am Telefon dem Englischen mächtig war, berichtete sie von ihrem Fund. „Neben dem Bach, auf einer Wiese, eine Leiche, wurde gestern vergraben, mein Hund hat sie gerade gefunden“ kam der Dame am anderen Ende des Telefons wohl etwas wirr vor, doch sie vermittelte Lona dennoch direkt mit der GNR, der Polizeibehörde, die für den ländlichen Raum in Portugal zuständig war. Nachdem Lona den Ablauf ihres grausigen Fundes jetzt etwas strukturierter schilderte und auch die Koordination durchgab, versprach man ihr, möglichst rasch jemanden vorbei zu schicken.

Nur zwanzig Minuten später kam ein Wagen der GNR die Straße herunter gefahren. Während Fredo gerade am Ort des Geschehens war um sicher zu gehen dass sich dort keine wilden Tiere zu schaffen machten, führte Lona die beiden Polizisten durch den Olivenhain zum Fundort. Während Fredo sich kaum traute genauer hinzusehen machte Lona der Anblick des aus der Erde ragenden Fußes wohl weniger aus als den beiden jungen Polizisten, denen wohl nicht so gut bekam was sie eben sahen. Während der eine einfach nur auf den Fuß starrte musste sich der andere räuspernd abdrehen. Er sagte irgendwas auf Portugiesisch, uum dann in Richtung ihres Autos zu gehen – offensichtlich, um Verstärkung zu rufen.

Es dauerte bis zum frühen Nachmittag, als die Verstärkung aus Lissabon eintraf. Mordermittlung, Spurensicherung, Forensik, ein mobiles Labor, ein Arzt und ein Leichenwagen – plötzlich hat sich dieser Ort der Ruhe in einen Schauplatz des Verbrechens verwandelt. Lona und Fredo wurden mehrmals vernommen, wurden nach allen Details des gestrigen Abends und des heutigen Morgens befragt. Wurden dann gebeten, für ein weiteres Verhör und das Protokoll mit nach Loulé zu fahren. Während Mo im Wohnmobil blieb fuhren sie zusammen mit den beiden Mordermittlern in das Büro der GNR, welches etwas eine halbe Stunde Fahrt entfernt war.

Unter Verdacht standen sie nicht, vielmehr deutete alles auf einen Mord hin, der in der Region stattgefunden hatte. Inzwischen war nämlich offensichtlich, dass die Frau mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen wurde, ehe sie dort am Bambusbach vergraben wurde. Das Fahrzeug, ein älterer Pickup, sowie die notwendige Ortskenntnis deutete ebenfalls auf eine Tat hin, die in der Gegend hatte stattfinden müssen. Auch war das Opfer vermutlich Portugiesin, was Kleidung, Ethnie und insbesondere ein Tattoo mit portugiesischem Schriftzug vermuten ließen.

Zwei Stunden später hat man sie wieder zurück an den Bambusbach gefahren. Ein Ort, an dem ihr mobiles Zuhause stand, an dem sie sich bisher so wohl gefühlt haben – doch das schien längst vergessen. Sie wurden gebeten in der Nähe zu bleiben, falls man weitere Fragen haben sollte. Doch hier bleiben konnten sie nicht, zu schrecklich war, was sich in den letzten Stunden ereignete. Außerdem war inzwischen alles abgesperrt. Die Spurensicherung packte bereits ihre Sachen, wurde es doch schon dunkel. Die zwei jungen Polizisten von heute Morgen bezogen ihren Posten, um die neugierigen Einheimischen vom Fundort fern zu halten. Denn im benachbarten Dorf hatte es sich längst herumgesprochen, dass es wohl einen Mord gab. Das erst Mal seit 15 Jahren. Kein Wunder, wenn ein Dutzend Fahrzeuge, darunter GNR und Leichenwagen, durch das sonst so beschauliche Dorf rasten. Auf einer Straße, die eigentlich nirgendwo hin führte, nur zum Bach.

Sie entschieden sich also, die kommende Nacht im Dorf zu verbringen, auf dem Parkplatz des Friedhofes stehend. Kurz wurden sie stutzig, als diese Idee ausgesprochen war – schon etwas makaber, oder? Aber eine bessere Idee fiel ihnen gerade nicht ein, auch war es schon spät. Also packten sie schnell alles zusammen und fuhren ins Dorf, um dort am Ortsrand zu übernachten.

An schlafen war in dieser Nacht kaum zu denken. „Warum musste gerade ich die arme Frau finden, die mir jetzt den Schlaf raubt“? Der Gedanke, dass der Mensch mit dem Pickup gestern Abend vermutlich ein Mörder war, der eine Frau kaltblütig erschlagen hatte, die vielleicht sogar seine Frau war, lies Lona nicht in den Schlaf finden. Und selbst der Langschläfer Fredo war froh, als die Nacht endlich vorbei war, die Dämmerung den neuen Tag einleitete.

Viel sprachen sie an diesem Morgen nicht über die gestrigen Ereignisse. Während Fredo sich um das Frühstück kümmerte, begaben sich Lona und Mo nach draußen, um etwas frische Morgenluft zu tanken. Im Dorf schien noch alles zu schlafen, kein Mensch und kein Fahrzeug war zu sehen oder zu hören. Lona steckte sich die erste Zigarette nach Monaten an, schaute in die aufgehende Sonne, während Mo sich näher den Büschen widmete. Er hat es gut, dachte sich Lona, für bleibt die Aktion gestern ohne Folgen. Aus dem Geiste, aus dem Sinn. Sehr praktisch, so ein Hundeleben. Während sie sich so in ihren Gedanken verfing erwacht im Dorf langsam das Leben, zumindest kam ein Fahrzeug die Straße herunter gefahren.

Ein Pickup, älteres Baujahr, mit allzu bekanntem Motorengeräusch. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, bis Lona diesen Klang wiedererkannte und zuordnen konnte. Doch dauerte es mindestens weitere fünf Sekunden, bis sie wieder fähig war, sich zu bewegen. Da bog der Pickup schon rechts in eine Seitenstraße ein, nur 20 Meter vor ihr.

„Fredo, ruf die Polizei an, das ist der Pickup“ hörte sie sich noch rufen, ehe sie sich auf den Weg zur Abzweigung machte um zu sehen, wohin er fuhr. „Einsteigen, Mo!“ war eine klare Anweisung, und Mo wagte es nicht sich ihr zu widersetzen. Sie hörte noch, wie Fredo hinter ihr nach dem Telefon kramte um den Ermittler, der sie gestern vernommen hatte, anzurufen.

An der Abzweigung angekommen sah sie den Pickup in 50 Metern Entfernung rechts abbiegen, auf einen unbefestigten Weg, gleich hinter dem letzten Haus der Straße. Das Kennzeichen konnte sie nicht erkennen, und so sprintete sie bis zu dem Haus, schielte um die Ecke. Da war kein Pickup zu sehen, verdammt, er ist weg! Die Anspannung fiel von ihr ab, und sie ging den Weg ein paar Meter weiter. Als Lona das alte Haus an der Ecke passierte, sah sie ihn plötzlich, den Pickup mit der roten Klappe an der Rückseite. Erstarrt blieb sie stehen, wohl wissend, dass man jetzt den Rückzug antreten sollte um die Polizei über ihre Entdeckung zu informieren. Ganz klar, das war der Pickup, den sie am Bambusbach gehört hatten!

Noch bevor Lona auf dem Absatz kehrt machen konnte, kam ein Mann aus dem Haus, keine zehn Meter von ihr entfernt. Doch rst nachdem er den Jutesack auf seine Ladefläche geworfen hatte und sich umdrehte, erblickte er Lona. Und war über ihre Anwesenheit wohl ebenso erschrocken wie sie selbst. Sie hätte sich jetzt rausreden, oder einfach unschuldig nach dem Weg fragen können, doch sie brachte kein Wort raus. Weg hier! War der einzige klare Gedanke, zu dem sie fähig war. Dass sie auf dem Absatz kehrt machte und los rann war wohl ein Fehler – denn spätestens jetzt war dem Mann, der um die fünfzig sein musste, klar, dass hier was nicht stimmte. Zumal er mitbekommen haben musste, das zwei Touristen gestern früh eine Leiche am Bach fanden. Und Lona war mit ihren blonden Haaren eindeutig nicht von hier.

Der Mann spurtete hinter Lona her, bekam sie nach nur wenigen Metern am Arm zu packen und riss sie herum, so dass sie mit dem Rücken an die Hauswand knallte. Panik stieg in ihr auf, sie zappelte und schrie, schlug mir ihren Fäusten um sich. Ein Schlag traf ihn am Hals, so dass er seinen Griff um ihren Arm lockerte – eine halbe Sekunde, die ausreichte um sich loszureißen und zurück zum Friedhof zu rennen. Doch der Mann hatte sich schnell wieder gefangen, lief ihr nach. Doch da kam schon Fredo um die Ecke gerannt, und eine Sekunde später wurde er von einem Wagen der GNR überholt. Gott sei Dank!

Sie rannte einfach weiter, nicht sehend, dass der Mann hinter ihr eine Kehrtwendung machte um vor der GNR zu flüchten. Doch diese hatten ihn bereits gesichtet, und der Fahrer gab richtig Gas, hatte ihn hundert Meter weiter schon fast eingeholt. Da kam der Mann ins Straucheln, und stürzte, so dass er von den Polizisten leicht überwältigt und in Handschellen gelegt werden konnte. Lona hatte Fredo bereits erreicht, fiel ihm zitternd in die Arme, kaum in der Lage, sich noch auf den eigenen Beinen zu halten.

Sie war fertig mit den Nerven, am Ende ihrer Kräfte. Fredo signalisierte dem Polizisten, dass sie zurück zum Wohnmobil gehen würden, was dieser mit einem Blick auf die immer noch zitternde Lona mit einem Nicken absegnete. Zwei Stunden später, inzwischen war die ganze Truppe an Mordermittlern, Forensikern und Spurensicherer eingetroffen, begaben sie die beiden Ermittler von gestern zu Lona und Fredo ans Wohnmobil. Bei einer Tasse Kaffee erklärten sie den beiden, was man zwischenzeitlich in Erfahrung bringen konnte. Normalerweise würden sie dies nicht tun, doch nach den Ereignissen der letzten Stunden wollten sie Klarheit schaffen.

Die tote Frau war die Schwägerin des Mannes mit dem Pickup. Nach dem Tod seiner Eltern gab es Streit darum, was nun mit deren Hof geschehen sollte. Da es Jahre dauern konnte, bis Erbschaftsangelegenheiten in Portugal gesetzlich geklärt wurden, entbrannte eine Diskussion, die in den letzten Wochen immer aggressiver wurde – bis es vorgestern eskalierte.

So wurde aus einem hitzigen Streit ein Handgemenge, in der geschupst und gestoßen wurde. Wie es dazu kam, dass der Mann mit einem Holzscheit auf die Frau einschlug, das konnte oder wollte er nicht sagen. Plötzlich lag sie am Boden, mit Blut überströmt. Wohl wissend, dass er dafür nicht ins Gefängnis wollte, machte er sich auf, alle Spuren zu verwischen. Als erstes lud er die Frau auf seinen Pickup und fuhr damit an den Bambusbach um sie dort zu verstecken. Zumindest vorläufig, bis er alle Spuren im Haus beseitigt hätte, dann wollte er ein besseres Versteck in den unzugänglichen Bergen suchen. Wo niemand die Frau jemals finden konnte.

Doch als er sich am nächsten Mittag wie jeden Tag im Dorf blicken lies um in der Pasteleria einen Kaffee zu trinken, hörte er den aktuellen Dorftratsch: man hatte am Bach eine Leiche gefunden, eine Frau. Sofort war ihm klar, dass er jetzt ein großes Problem hatte. Denn früher oder später würde man die Frau als seine Schwägerin identifizieren. Dann war jedem klar wer als Täter in Frage kam, schließlich war ihr Streit ums Erbe im ganzen Dorf bekannt.

Also machte er sich auf, alle Spuren des Kampfes zu beseitigen – es dauerte Stunden, die Blutspuren wegzuwischen. In der Nacht entschied er, dass er sich absetzen musste, denn in Kürze würde man ihn als Hauptverdächtigen ausmachen. Als Lona bei ihm auf dem Hof auftauchte war er gerade dabei, seine Habseligkeiten in den Pickup zu laden. Er wollte keine Zeit verlieren, schnell über Spanien und Gibraltar nach Marokko übersetzen, bevor er auf einer Fahndungsliste stand. Doch dann stand Lona auf seinem Hof, und es schien, als müsste er eine zweite Frau umbringen um verschwinden zu können.

Lona hörte sich die Ausführungen der Ermittler schweigend an. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie nur knapp mit dem Leben davon gekommen war. Mit den paar blauen Flecken am Arm konnte sie leben, doch wie sich diese ganze Geschichte auf ihren Seelenfrieden auswirken würde, darauf hatte sie keine Antwort.

Sie einigten sich mit den Ermittlern darauf, dass sie nun nicht in der Gegend bleiben mussten. So beschlossen sie, an die Küste zu fahren. Das Rauschen des Meeres, das war schon immer die beste Medizin.

Schlusswort

Das war sie, meine erste Kurzgeschichte mit Lona, Fredo und ihrem Hund Mo in der Hauptrolle. Wenn sie dir gefallen hat, freue dich auf die nächste Geschichte – ich verspreche auch, an meinem Schreibstil zu arbeiten 😉

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