Die dritte Kurzgeschichte mit Fredo und Lona, viel Spaß beim Lesen!


Seit zwei Tagen stehen Lona und Fredo mit ihrem Wohnmobil auf dem Strandparkplatz. Tagsüber kommen ein paar Familien, verbringen etwas Zeit am Strand und fahren wieder. Es ist Winter in Portugal, die Strandsaison ist vorüber, der Atlantik wird wilder. So gehört den Anglern die meiste Zeit über der Strand. Sie treffen sich auf dem Parkplatz, packen ihre Sachen und stapfen vollgepackt über den weichen Sand in Richtung Wasser. Nicht viel los hier, und so verbringen Lona und Fredo eine entspannte Zeit in ihrem rollenden Zuhause, mit Nichtstun und Müßiggang, unterbrochen von Spaziergängen mit ihrem Hund Mo.

Es bricht die dritte Nacht an diesem schönen Ort über sie hinein – die Sonne verschwindet im Atlantik, und sofort wird es kalt. Zeit, sich nach drinnen zu verziehen, um sich einen gemütlichen Abend zu machen. Fredo hat die Kopfhörer auf und sieht sich eine Doku an, während Lona in ihr Buch vertieft ist. Und so hört auch nur sie, wie es draußen »klock, klock, klock« macht, nicht weit von ihrem Wohnmobil entfernt. »Was ist das?« fragt sie Fredo, der jedoch nicht einmal nichts versteht, erst seine Kopfhörer absetzen muss. »Hörst du das?« Doch in diesem Moment kann sie selbst das Klockgeräusch kaum mehr wahrnehmen. »Ich höre nichts. Was war denn?« Wenn es jetzt weg ist, dann ist ja auch gut, was soll es schon wichtiges gewesen sein. »Nur ein Geräusch, ist schon wieder weg. Schau weiter deinen Film an, scheint spannend zu sein.« Und so widmen sie sich weiter ihren harmlosen Freizeitbeschäftigungen. Doch natürlich war da was, und es wird wieder kommen.

Der nächste Tag verläuft wie der letzte: Lesen, Tee trinken, ein Spaziergang den Strand hoch, ein weiterer den Strand runter, kochen und im Internet surfen. Am Abend, als sie gerade ins Bett gegangen sind, so gegen Mitternacht, wieder dieses »klock, klock, klock«. Dreimal hintereinander, dann nach einer Pause, wieder »klock, klock, klock«. »Jetzt höre ich es auch«, meint Fredo, und auch Mo gibt seinen knurrenden Kommentar ab. Das Geräusch entfernt sich langsam, dann ist es wieder ruhig – nichts zu hören, bis auf das Rauschen des Meeres und die Blätter der Eukalyptusbäume in dem Wäldchen hinter ihnen. Draußen ist es stockdunkel, kein Auto zu sehen. Sehr seltsam, was mag das wohl gewesen sein? Es hörte sich an, ob jemand beim Gehen mit einem Stock auf den Boden klopfte. Aber hier ist doch niemand außer ihnen! Sie stehen auf einem super einsamen Strandparkplatz, weitab von bewohnten Gegenden. Die Angler fahren mit dem Auto her, meist mit einem Pickup, einfach weil die Straße so schlecht ist. Die nächsten drei Kilometer kommt einfach nichts, und auch mit dem Fahrrad ist der Weg nicht wirklich gut passierbar. Aber jetzt ist wieder alles ruhig, und nachdem sie noch eine halbe Stunde lauschen, schlafen sie ein.

So ganz mag Lona diese seltsamen Klock-Geräusche nicht aus dem Kopf bekommen. Aber was soll es schon gewesen sein, da braucht man sich doch nicht verrückt machen. Gegen Mittag begeben sie sich an den Strand – um diese Tageszeit ist es meist windstill, und die Sonne scheint kräftig vom Himmel. Das ist das Schöne in Portugal: egal, wie niedrig die Temperaturen sein mögen – solange die Sonne scheint, kann man es draußen gut aushalten.

Während Mo am Strand alle zehn Minuten seine fünf Minuten hat, und wie ein Irrer durch den Sand tobt, schlendern Lona und Fredo gemütlich den kilometerlangen Strand entlang. Links das Meer, alle paar Sekunden brechen kleine Wellen direkt am Strand. Rechts die Dünen, hin und wieder unterbrochen von ein paar kleinen Klippen.

Diese unberührte Natur wird jäh unterbrochen, in der Düne erspähen sie eine alte Hütte. Eine Ruine, wie man sie in Portugal öfters sieht: Irgendwann hat hier wohl mal jemand gewohnt, doch längst wurde sie verlassen. Die gemauerten Außenwände stehen noch, einen Dachstuhl gibt es auch noch, doch längst hat der Wind das Dach abgedeckt. Vielleicht eine alte Unterkunft für Angler, oder ein aufgegebenes Feriendomizil? Es ist immer wieder spannend, was man in solchen kleinen Häuschen noch vorfindet, und so reicht ein übereinstimmender Blick, dass sich Fredo und Lona auf zur Hütte machen.

Eine alte Hütte ohne Dach, da kann man ja nicht allzu viel finden außer Sand und ein paar Grasbüschel, die sich ihren natürlichen Lebensraum zurück erobern – so sollte man denken. Doch was sie sehen, lässt sie kurz zusammen zucken: hier wohnt jemand! Im Innern der Hütte finden sie eine Art Verschlag, ein Konstrukt aus Strandgut, Ästen und Eukalyptuszweigen aus dem benachbarten Wäldchen. Dazu jede Menge Überreste von offenbar erfolgreichen Jagd- und Angelausflügen: Hier ein Eimer mit Fischkadaver, dort ein Hasenfell – und jede Menge undefinierbaren Müll. Nein, hier wohnt keiner, hier haust einer! Es riecht einfach nur erbärmlich, und so genau will Lona nicht wirklich wissen, was ihr gerade alles in die Nase kommt. Ehe sie sich angewidert wegdrehen will, erschrickt sie sich, aus einem ganz anderen Grund: hinter ihnen hört sie ein allzu bekanntes Geräusch. Es macht »klock, klock, klock«, und als sie sich zeitgleich mit Fredo umdreht, sehen sie, was dieses Geräusch verursacht.

Ein Mann läuft in Richtung Haus. Über seiner linken Schulter hängt ein frisch erlegter Hase, die rechte Hand umgreift einen Holzstock, auf dem er sich beim Gehen aufstützt. Bei jedem zweiten Schritt macht es »klock«. Es ist nicht der Holzstock, sondern seine alte Prothese – das rechte Bein ist nicht mehr eigenes, was man durch die zerissene Hose gut erkennen kann. Und das metallene Kniegelenk scheint nicht mehr wirklich gut zu funktionieren. Alle sechs Schritte muss er eine kurze Pause einlegen, dann geht es für ein kurzes Stück weiter, »klock, klock, klock«. Lona und Fredo starren ihn an, sind entsetzt über die Gestalt, die auf sie zukommt. In welchem Alter der Mann ist, lässt sich unmöglich sagen. Bart und Haare sind ein zotteliges Gestrüpp, schon grau und voller Dreck. Auch seine Kleidung hat schon bessere Zeiten gesehen. Er ist so sehr auf seinen mühsamen Gang konzentriert, dass er die beiden nicht wahrnimmt. Erst, als er zehn Meter vor ihnen steht und Fredo ein leises »Bom Dia« heraus bekommt, schaut der Mann erschrocken auf.

Lona wird direkt bewusst, dass sie gerade in seinem Zuhause rumschnüffeln. Dass sie sich über die Lebenssituation eines Mannes pikieren, der offenbar ganz unten angekommen ist. Er haust in einer Ruine in den Dünen, fernab der Straße, hat kein Dach über den Kopf, ist behindert und muss sich sein Essen selbst jagen. Lona versucht, die Situation mit einer kleinen Charmeoffensive zu retten, lächelt ihn an, versucht ihn auf portugiesisch zu fragen, ob er denn englisch versteht. »Bom dia, o senhor, você fala inglês?« Doch dieser schaut immer grimmiger daher, er ist wohl auch nicht sehr erfreut darüber, dass sie zwischen ihm und seinem wenigen Hab und Gut stehen. »Komm, wir verschwinden hier einfach« raunt ihr Fredo zu.

Gerade, als sie sich – mit ein paar beschwichtigenden Gesten begleitend – von der Hütte und ihrem Bewohner wieder in Richtung Strand entfernen wollten, nimmt Lona etwas aus den Augenwinkeln wahr, dass sie stutzig werden lässt. Vor dem Holzverschlag direkt neben ihr steht eine große Kiste, die mit einem Vorhängeschloss gesichert ist. Aus dieser Kiste führt eine Metallkette, die mit der gemauerten Wand verankert ist. Sehr seltsam – was mag da wohl am Ende der Kette sein? Hat er da etwa ein Tier in die Kiste gesperrt? Lona dreht sich ein wenig, um in das etwa 10cm große Loch zu spähen, aus dem die Kette kommt.

Da blickt sie ein kleines, menschliches Auge an.

Lona braucht zwei Sekunden, bis das, was sie sieht, auch in ihrem Kopf angekommen ist und verarbeitet wurde. »Fredo, in der Kiste da ist ein Kind!« Nicht wissend, was Lona ihm sagen will, schaut er erst einmal verdutzt aus der Wäsche, denn er selbst hat die Holzkiste noch nicht zur Kenntnis genommen »Der Arsch hat ein Kind an die Kette gelegt und in die Kiste da eingesperrt!« Langsam begreift Lona, dass diese heruntergekommene Gestalt bemitleidenswert und harmlos aussehen mag, doch vielleicht nicht ganz so ungefährlich ist, wie es den ersten Anschein hatte. Das wird im selben Moment auch Fredo klar, und der schnappt sich einen dicken Ast, der neben ihm an der Hütte lehnt. »Bleib bloß weg«, herrscht er den Mann an, geht mit dem Ast ein paar Schritte auf ihn zu, um ihm zu zeigen, dass er es ernst meint. Doch der hat die Situation wohl erkannt, und als Lona bereits vor der Kiste kniet, sucht er das Weite, humpelt zurück in die Dünen. Auf einem schmalen Trampfelpfad verschwindet er in Richtung Wald. Fredo überlegt noch kurz, ob er ihn verfolgen soll, doch Lona verlangt nach seiner Hilfe, so kommt er gleich wieder von diesem Gedanken ab.

»Wir müssen die Kiste aufbekommen«, ruft ihm Lona zu und so kniet auch Fredo sich hin, um Kiste und Schloss zu inspizieren. Es ist eine massive Transportkiste, mit einem Deckel, wie bei einer Truhe. An der Vorderseite ist ein relativ neues Vorhängeschloss angebracht. Hier in diesem Chaos einen Schlüssel dafür zu finde könnte schwierig werden. Aus der Kiste wimmert es. Das Auge am Loch ist verschwunden, beim Hineinschauen kann Lona nichts als Dunkelheit erkennen. Wenn man es nicht besser wüsste, man würde meinen, dort drinnen wimmert ein kleiner Hund.

»Versuche, sie zu beruhigen. Ich suche etwas um das Schloss aufzubekommen«. Fredo schaut sich in dem ganzen Unrat an, ist sich aber gleich bewusst, dass er für so ein Schloss schon ein anständiges Stemmeisen bräuchte, und sowas hier kaum zu finden sein dürfte. Doch dann sieht er etwas, das er gut gebrauchen könnte: Beim Weglaufen hat der Mann seinen Hasen samt Jagdmesser fallen lassen. Ein erstaunlich hochwertiges Messer, mit stabiler Klinge. Das Schloss würde er damit nicht aufbekommen, dafür aber vielleicht die Beschläge an der alten Kiste.

Während Lona mit ruhiger Stimme irgendwelche Worte in das Loch murmelt, macht sich Fredo an den Scharnieren zu schaffen. Puh, das Holz ist glücklicherweise etwas morsch, so dass es seinen Bemühungen nicht lange stand hält. Nach einigen Minuten sind die Scharniere gelöst, das Schloss ist ab.

Langsam hebt Fredo den Deckel an. Was sie zu sehen bekommen, lässt sie erschauern. In der Kiste kauert ein kleines Mädchen, nur mit T-Shirt und Unterhose bekleidet. Von Kopf bis Fuß verdreckt sitzt sie da, wimmernd und mit geschlossenen Augen. Sie hat offensichtlich große Angst, und so wagt Lona erst nicht, sie zu berühren. »Tudo bem«, versucht Lona ihr zu vermitteln, mit allem, was sie in ihrem kargen portugiesischen Wortschatz finden kann. Sie legt ihre Hand auf das Mädchen, das direkt zu schluchzen beginnt. Instinktiv nimmt Lona sie in den Arm. Die Kleine spürt direkt, dass sie jetzt frei ist, sie schaut Lona mit ihrem tiefschwarzen Augen an und drückt sich fest an sie. »Schau, sie hat die Kette um ihren Fuß«, stellt Fredo fest und macht sich direkt daran zu schaffen. Die Kette ist mit einem Lederriemen am Fuß befestigt, den er nach einigem Säbeln mit dem Jagdmesser durchtrennen kann. Jetzt ist sie wirklich frei! Lona hebt das Mädchen, das vielleicht sieben Jahre alt sein könnte, aus der Kiste heraus. Sie ist so dünn, dass man jeden einzelnen Knochen deutlich spüren kann.

Mo, der sich von der ganzen Aufregung erschrocken in die Düne zurück zog, Kommt nun vorsichtig aus seinem Versteck heraus. Langsam geht er auf Lona zu, die mit dem Mädchen jetzt vor der Hütte sitzt, weg von all dem Müll. Doch sein Interesse gilt alleine der Kleinen. Behutsam schnüffelt er an ihr, stubst mit seiner Nase an ihre Brust, dann macht es Pflatsch, und er liegt vor ihr auf dem Rücken, schwanzwedelnd, und möchte dringlichst gestreichelt werden. Da kann kein Mädchen der Welt wiederstehen, und sie streichelt ihn ganz vorsichtig am Bauch, was Mo mit mehr Schwanzwedeln kommentiert. Das Eis ist gebrochen, doch was nun? »Ganz klar, wir nehmen sie jetzt mit zum Wohnmobil«, meint Lona, was Fredo mit einem Kopfnicken bejaht. »Und zwar schnell, der Typ könnte wieder herkommen, und er weiß auch, wo unser Wohnmobil steht«. Verdammt, daran hatte Lona ja noch überhaupt nicht gedacht.

»Am besten, wir gehen über den Strand zurück« meinte Lona zu Fredo, der sich schon umschaute, ob er den Mann irgendwo sehen könnte. Offenes Gelände, das wäre wohl keine schlechte Idee. Auch, wenn der Typ körperlich beeinträchtigt sein mag, offenbar hat er ein Mädchen gekidnapped und gefangen gehalten. Oder ist es sogar seine eigene Tochter? Egal, solch einem Menschen möchte man nicht wirklich nochmal begegnen. Auf dem Weg zum Wohnmobil tragen sie das Mädchen abwechselnd, denn es ist viel zu schwach um selbst zu gehen. Anstrengende drei Kilometer, in dem weichen Sand kommen sie nur langsam voran. Lona versucht herauszubekommen, wie das Mädchen heißt – doch sie sagt kein Wort. Mit geschlossenen Augen und scheinbar hundemüde lässt sie sich von ihnen einfach nur über den Strand tragen.

Am Wohnmobil angekommen checkt Fredo erst einmal die Lage – niemand ist in Sicht, er hätte aber auch nicht vermutet, dass der Mann schneller als sie hier sein könnte, dürfte sein Bein ihn doch sehr behindern, gerade auf so einer längeren Strecke. Als Fredo das Wohnmobil aufschließen möchte, kommt ein Angler mit seinem Pickup auf den Parkplatz. Schon um die Ecke gefahren bremst er, setzt ein paar Meter zurück, und beobachtet Lona, Fredo und das Mädchen kurz. Dann steigt er aus dem noch fahrenden Wagen aus, und geht zögernd auf sie zu. Lona umfasst das Mädchen instinktiv an den Schultern, als sie den etwas starren Blick des Mannes wahrnimmt. Gehört der zu dem anderen Mann, haben wir jetzt ein richtig großes Problem? Lona spürt, wie die Panik in ihr hochkriecht.

Als er ein leises »Madalena?« herausbringt spürt Lona, wie das Mädchen in ihren Armen reagiert, und sie den Mann anschaut. Einen Moment später reist sie sich von ihr los, und läuft auf den Mann zu. Lona, immer noch etwas verwirrt, weiß erst nicht was sie tun soll. »Tio Nuno!« Schluchzend fällt der Mann auf die Knie, und das Mädchen rennt in seine Arme. Okay, offenbar kennen sich die beiden.

Nachdem der Mann sich wieder gefangen hat und sie feststellen konnten, dass er kein Wort englisch spricht, telefoniert er aufgeregt. Er gestikuliert, dass gleich jemand kommen würde. Und lässt das Mädchen, das offensichtlich Madalena heißt, nicht mehr los. Er redet auf sie ein, doch sie sagt weiterhin kein Wort, weint nur vor sich hin. Doch dieses Mal scheint es ein erlösendes Weinen zu sein.

Lona holt eine Decke aus dem Wohnmobil. Es ist zwar nicht wirklich kalt, doch ist Madalena so dünn, da kann es nicht schaden. Das Glas Milch und ein paar Kekse sind im nu verschwunden. Mehr traut sich Lona ihr nicht zu geben, wer weiß schon was sie wann zuletzt gegessen hat, und was ihr Magen verträgt.

Nach zehn Minuten rast ein Auto daher, kommt direkt vor ihrem Wohnmobil zu stehen und es stürmen zwei Frauen und ein Mann heraus. Alle wollen sie zu Madalena, sie umarmen, abküssen, ihr Gesicht halten und fest an sich drücken. Kurz danach kommen weitere Autos angefahren, auch aus ihnen steigen sehr aufgeregte Menschen aus, die sich offenbar sehr freuen, dass Madalena wieder da ist. Der Mann mit dem Pickup erklärte ihnen, dass er die Kleine hier bei Fredo und Lona am Wohnmobil gesehen hat. Nun richtet sich die Aufmerksamkeit auf sie, und auch sie werden geküsst und umarmt, und man redet auf Portugiesisch auf sie ein, alle durcheinander.

Auch die Polizei weiß offenbar schon Bescheid, denn auch sie kommt angefahren. Nachdem sie sich einen Überblick verschafft haben, und kurz mit Nuno redeten, gehen sie auf Lona und Fredo zu.

Nachdem Lona die Geschehnisse der letzten Stunde erläutert hatte, bringt der englischsprechende Polizist Licht in die Geschichte: Madalena war vor vier Monaten verschwunden. Sie hat mit ihrer Familie einen Tag am Sommertag am Strand verbracht, die Kinder haben im Sand gespielt, und plötzlich war sie verschwunden. Das war direkt hier in der Nähe des Parkplatzes. Alle haben nach ihr gesucht, doch bald musste befürchtet werden, dass Madalena im Meer ertrunken ist. Die Strömungen des Atlantiks können sehr heimtückisch sein, und ein kleines Mädchen hat da kaum eine Chance. Leicht könnte sie von einer Welle erfasst und unter Wasser gezogen werden. Suchhunde und die Küstenwache waren im Einsatz, doch keine Spur von Madalena. Nach einer Woche war alle Hoffnung begraben. Auf die Idee, dass Madalena entführt sein könnte, darauf kam niemand. Die ganze Familie trauerte um Madalena. Nur die Großmutter, sie hielt daran fest, dass ihre Enkelin noch am Leben sei. Ach ja, und der Mann mit dem Pickup, das ist ein entfernter Verwandter, den alle Kinder im Dorf nur »Onkel Nuno« nennen.

Während der eine Polizist ihnen das erzählte, telefonierte der andere in ihrem Streifenwagen. Als er damit fertig war kam er zu ihnen herüber, um die weitere Vorgehensweise abzusprechen. Es wäre Verstärkung angefordert, um nach dem Mann zu suchen, der Madalena gefangen hielt. Fredo erklärt sich bereit, den Polizisten die Hütte zu zeigen und auch, wohin er den Entführer hat hinlaufen sehen. Diese besprechen dies mit der Familie, was zu einer lautstarken, emotionsgeladenen Diskussion unter den Männern führt. Denn diese wollen sich den Kerl selber schnappen. Doch dies wollten die Polizisten nicht zulassen. »Bringt jetzt Madalena nach Hause« kann sich Lona die Anweisung der Polizisten übersetzen. Und mit Unterstützung der etwas vernünftigeren Frauen schaffen sie es auch, dass sich alle in ihre Autos setzen und fortfahren.

»Die Leute aus dem Dorf kennen den Mann. Sie haben ihn schon gesehen, aber nie hat einer mit ihm gesprochen. Sie wussten auch nicht, dass er hier am Strand lebt«, weiß der jüngere Polizist zu berichten. Wenige Minuten später machen sich die zwei Staatshüter zusammen mit Fredo auf den Weg zur Hütte. Lona bleibt alleine mit Mo am Wohnmobil zurück. Plötzlich ist es total ruhig. Noch nicht einmal das Meer hört sie rauschen. Wie unwirklich, nach all diesem Trubel.

Erst einmal zur Ruhe kommen. Sie macht sich eine Tasse Tee, setzt sich vor dem Wohnmobil in die wärmende Sonne. Mo lässt sich neben ihr in den Sand plumpsen und schläft sofort ein. Auch für ihn war die Aufregung groß, in seinem sonst so beschaulichen Hundeleben. Gerade als Lona am wegdösen ist, hört sie es: »klock, klock, klock«.

Wie von einem Skorpion gestochen springt sie aus ihrem Stuhl. Woher kam das Geräusch? Mo registriert ihre Anspannung und weiß, dass da jemand ist. Plötzlich prischt er davon, unterm Wohnmobil hindurch. Lona kann ihn nicht mehr zurück rufen, rennt um das Wohnmobil herum. Und sieht, wie Mo sich in das Holzbein verbissen hat. Der Mann versucht ihn abzuschütteln, ihn mit seinem Gehstock zu treffen.

Lona hat keine andere Chance, sie muss etwas tun. Sie erinnert sich an das Jagdmesser, das Fredo vorhin in den Boden gesteckt hat, gleich zwei Meter links von ihr, neben der Wohnmobiltüre. Sie läuft hin, zieht es aus den Boden und rennt, ohne groß nachzudenken, auf den Mann zu, der immer noch versucht Mo loszuwerden.

Doch sie benötigt es nicht einmal. Der Mann steht schon sehr wackelig auf seinem einen gesunden Bein, so dass ein kräftiger Schupser reicht, und er fällt hinten über, landet unsanft auf dem sandigen Parkplatz. Lona packt sich Mo, nimmt ihn auf den Arm, drei Meter sind es zum Wohnmobil. Mo rein, Türe zu. In ihrer rechten Hand hat sie immer noch das Messer. Damit baut sie sich vor dem am Boden liegenden Mann auf, macht ihm so klar: du bleibst hier liegen. Als er sich doch aufrappeln will genügt ein »Nao«, und er lässt sich auf den Rücken fallen.

Was nun? Fredo anrufen, dass er mit den Polizisten schnell wieder herkommt? Etwas zum Fesseln suchen? Dazu müsste sie ins Wohnmobil gehen, ihn dabei aus den Augen lassen. Noch während Lona über ihre nächsten Schritte nachdenkt, dabei versucht sicher zu wirken, kommt schon Erlösung. Zwei Polizei-Jeeps fahren auf den Parkplatz.

Sofort springen vier Polizisten aus den Fahrzeugen, mit gezückter Waffe, nicht wissend, was für eine Situation sie vor sich finden. Lona lässt sofort das Messer fallen, hebt die Arme und geht drei Schritte zurück. Sie zeigt auf den Mann und sagt nur »Kidnapper«. Das müsste doch auch ein Portugiese verstehen, oder? Tatsächlich begreifen die Polizisten schnell, wobei das Holzbein wohl recht eindeutige Indizien dafür liefert, wer da vor ihnen auf dem Boden liegt. Schnell sind die Handschellen angelegt, und der Entführer wird ins Auto verfrachtet. Über Funk verständigen sie die Kollegen, die mit Fredo in den Dünen unterwegs sind.

Eine halbe Stunde später ist der ganze Spuk vorbei. Der Parkplatz ist wieder so menschenleer wie die Tage zuvor. Madalena ist wieder zu Hause bei ihrer Familie, nach drei langen Monaten. Was ihr wohl in dieser Zeit widerfahren ist? Ganz klar, ein Mensch, der so etwas tut, ist krank. Aber ist es auch ein Perverser, der sich an kleinen Mädchen vergriffen hat? Man kann nur hoffen, dass das Mädchen über diese Episode in ihrem noch so jungen Mädchen hinweg kommen wird. Lona und Fredo atmen erst einmal durch. Der Entführer sitzt fest, und sie bleiben noch ein paar Tage, auch weil die Polizei nochmal mit ihnen sprechen will.

Am nächsten Nachmittag kommt ein Auto her gefahren. Onkel Nuno bringt den Vater und die Tante von Madalena. Sie wollen sich bedanken – nicht auszudenken, wie lange das kleine Mädchen noch unbemerkt in der Hütte am Strand gefangen gewesen wäre. Als Dank bringen sie einen riesigen Geschenkkorb mit portugiesischen Leckereien mit. Das halbe Dorf hat etwas dazu beigesteuert, denn die Familie selbst hat nicht viel. Und als Madalena vor drei Monaten spurlos verschwand und alle sie für tot hielten, hat der Vater auch noch seinen Job verloren. Er hat Tag und Nacht um sein Kind getrauert, konnte einfach nicht mehr arbeiten. Doch jetzt hat er neuen Lebensmut gefasst, jetzt kann das Leben weiter gehen.
Inzwischen hat Madalena ihre Geschichte erzählt. Ebenso wie der Entführer.

Madalena hat mit ihren Cousins am Strand gespielt. Während die beiden Jungs dann lieber Fußball spielen wollten, hatte Madalena dazu keine Lust, und hat sich ein bisschen in den Dünen rumgetrieben. Dort hat sie zwei Kaninchen entdeckt, denen sie hinterher gelaufen ist. Bis sie plötzlich an der Hütte am Strand landete. Neugierig hat sie sich umgesehen, und da saß dieser Mann vor der Hütte. Er hat gerade Fische ausgenommen, und sie hat ihm fasziniert dabei zugesehen. So winkte er sie zu sich her und zeigte ihr, wie man einen Fisch ausnimmt. Sie haben sich ein wenig unterhalten, dann wollte er ihr ein Geschenk machen. Sie sollte zu der Kiste gehen und ihm das Lederband bringen. Er konnte ja nicht so gut laufen, also hat sie das gemacht. Er hat ihr das Lederband eng um das Handgelenk gebunden, eine Kette dran gemacht und gesagt »Jetzt gehörst du zu mir«.

Sie sollte ein liebes Mädchen sein. Wenn sie weinte oder schrie hat er sie sofort in die Kiste gesperrt. Gleich am ersten Tag für mehrere Stunden. So hat sie schnell gelernt, dass es nicht gut ist zu weinen. Solange sie ein liebes Mädchen war, bekam sie Wasser und was zu essen. So hat sie drei Monate an der Hütte in den Dünen verbracht, ohne einen anderen Menschen zu sehen oder zu hören. Ohne Wasser, um sich zu waschen, ohne viel zu reden. Denn der Mann hat nicht mit ihr geredet. Er wollte einfach nur, dass sie da ist. Und so lebte sie vor sich hin, wie ein Hund an der Kette.

Die Hütte gehörte einmal der Familie des Mannes. In besseren Zeiten diente sie als Ferienhäuschen, doch diese Zeiten waren längst vorbei. Er hatte ein Holzbein, eine uralte Prothese, da er keine Krankenversicherung hatte. Er war isoliert, hatte in seinem Leben noch nie einen richtigen Job, seine Familie hatte ihn längst verstoßen, wohnte viele Kilometer von hier entfernt. Da erinnerte er sich an die Hütte am Strand, und zog hier einfach ein, vor etwa zehn Monaten.

Als er das Mädchen in den Dünen sah, wie sie ihn beobachtete, dachte er sich sofort, dass etwas Gesellschaft ganz nett wäre. Und so lieb und vorurteilsfrei das Mädchen mit ihm umgegangen ist, konnte er einfach nicht anders. Er musste sie behalten. Und so tat er das einfach. Er sorgte dafür, dass sie nicht weglaufen konnte. Er sorgte für sie, indem er ihr etwas zu trinken und essen gab. Jetzt war sie da, und er nicht mehr alleine.

»Wir denken nicht, dass es zu einem Prozess kommen wird«, meinte die englisch sprechende Tante zu ihnen. Der Entführer hat eine Persönlichkeitsstörung, sie wurde bereits vor Jahren attestiert. Er war wohl nicht einmal seiner eigenen Familie geheuer. Sie hatten Angst, und ihn deshalb aus dem Elternhaus geworfen. Wenn ein psychologischer Gutachter dies bestätigt, dann dürfte er wohl nicht im Gefängnis landen, sondern direkt in der Psychiatrie verwahrt werden.

Lona und Fredo packen am nächsten Tag ihre Sachen. Irgendwie hat dieser schöne Strand seine Unschuld verloren. So ziehen sie weiter. Mal schauen, was der nächste Strand so bringt. Und ob sich auch da eine Hütte findet.


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Tanja Hier schreibt Tanja

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