Die zweite Kurzgeschichte mit Fredo und Lona, viel Spaß beim Lesen!


»Was man wohl tun muss, damit diese Tätigkeit einen meditativen Effekt hat?« murmelt Lona leise vor sich hin, während sie den Abwasch macht. Wenn sie an ihrem Leben im Wohnmobil etwas vermisst, dann ist es definitiv die Spülmaschine. Jetzt hat man seine Alltagspflichten mit der Aufgabe einer Wohnung schon aufs Minimum reduziert, und was ist übrigen geblieben? Die unliebsamste Arbeit überhaupt.

Doch draußen regnet es, das erste Mal seit Wochen, und während Fredo das Fahrerhaus ihres Wohnmobils mit Staubsauger und Putztuch wieder zum Glänzen bringt macht sie eben die Küche. Aus der Box dröhnt ihre Lieblingsplaylist, was das Ganze einigermaßen erträglich macht. Es gibt dennoch Schöneres, wie man einen Tag ausklingen lassen könnte. Wie gestern Abend mit einem Glas Rotwein vor dem Wohnmobil sitzen, portugiesische Schnulzenmusik hören, der Sonne bei ihrem Untergang zuschauen, bewundern wie sich die Farben über dem See alle paar Minuten neu ordnen. Zwischendurch ein paar Grillen damit drohen, dass sie bald einen Korken auf ihr Erdloch bekommen, wenn sie nicht ganz schnell das Zirpen einstellen.

Ein Knall reißt Lona aus ihren Gedanken. Sie stehen mit ihrem Wohnmobil im Nirgendwo, an einem einsam gelegenen See mitten in Portugal. Innerhalb der nächsten Kilometer gibt es nur einen Schafsstall, die Staumauer und zwei, drei verlassene Ruinen. Nichts, was so einen Krach machen könnte. Doch musste es etwas ganz in ihrer Nähe sein, so laut wie der Knall war. Hat irgendwo ein Blitz eingeschlagen? Kann eigentlich nicht sein, denn es regnet zwar, doch gehören zu einem anständigen Gewitter immer noch Blitz und Donner. »Da vorne, da brennt was!« meldet Fredo aus dem Fahrerhaus, von wo aus er den besseren Rundumblick hat. »Das ist die Ruine auf der Landzunge«. Doch wie kann das sein, der erste Regen seit Wochen, und ausgerechnet jetzt geht die alte Hütte in Flammen auf? Vor ein paar Tagen waren sie noch dort, ein altes Steinhaus, mit ein paar Dachbalken und trockene Wiese drumherum. Immerhin, dank dem Regen kann sich jetzt kein Flächenbrand entwickeln. »Ähm, was sollen wir tun, die Feuerwehr anzurufen kann wohl nicht schaden, oder?« meint Fredo, und sein Blick sagt, was Lona ebenfalls denkt: Ja, müsste man wohl, auch wenn es nicht viel nützen wird. Denn bis die hierhergefunde hat dürften das bisschen Holz längst verbrannt sein.

Gerade, als sie zum Telefon greifen will sehen sie ein Auto, das über Schotterpiste in Richtung der brennenden Ruine fährt. Gut, es scheint sich ein Einheimischer der Sache anzunehmen. Es wird immer dunkler, die Sonne ist vor zwanzig Minuten untergegangen, das Feuer jetzt gut sichtbar. Erstaunlich, wie lichterloh ein paar alte Holzbalken brennen können.

Rodrigo parkt seinen Jeep direkt vor seinem Haus und schlägt auf das Lenkrad ein. Wie dumm kann man sein, bitteschön? Dass er nochmal zurück zur bereits brennenden Ruine fahren musste könnte ihm nun zum Verhängnis werden. Dabei war das alles so nicht geplant. Er hatte sich mit Tomas, dem Besitzer des sechs Hektar großen Grundstücks am Seeufer dort verabredet um nochmal über den Kauf zu sprechen. Doch Tomas hatte sich immer noch geweigert ihm sein Elternhaus zu verkaufen. So ein sentimentaler Sturkopf, das hat er jetzt davon.

An die letzten Stunden kann sich Rodrigo nur wie durch einen Schleier erinnern. Ihr Gespräch um das Grundstück verkam irgendwann zu einem Streit, und plötzlich hatte er einen morschen Balken in der Hand, den er Tomas gegen den Kopf schleuderte. War das Mord? Oder Totschlag? Oder Notwehr? Das musste er mit sich ausmachen, und auf keinen Fall wollte er, dass die Justiz über sein Schicksal entscheidet. Deshalb hatte er das Feuer in der alten Ruine gelegt. Und weil ausgerechnet jetzt der Regen einsetzte noch mit einem Kanister Benzin nachgeholfen, so dass auch wirklich jede Spur seiner Tat verwischt wurde. Nein, das war bestimmt kein Mord, das war ja schließlich nicht geplant. Schnell hatten die morschen Dachbalken Feuer gefangen, und trotz Regen brannte alles lichterloh. Diesen Geruch von verbranntem Fleisch, den wird er nie vergessen.  

Nach einigen Minuten der Schockstarre lief er zurück zu seinem Haus, gerade einmal zwei Kilometer entfernt. Gut, dass er zu Fuß hergekommen war, so konnte er seinen Kopf auf dem Nachhauseweg frei bekommen. Kaum konnte er einen klaren Gedanken fassen wurden ihm die Schwachpunkte seiner Vertuschungsaktion bewusst. Tomas Auto war voll von seinen Fingerabdrücken. Und nichts deutete darauf hin, dass sich Tomas etwas antun wollte – und wenn nichts auf einen Selbstmord hinweist, findet dann nicht automatisch eine Mordermittlung statt? Die letzten hundert Meter zu seinem Haus rannte er. Um, dort angekommen, direkt in seinen Jeep zu steigen und zur brennenden Ruine am See zu rasen.

Lona und Fredo beobachten das Auto, wie es einige Meter vor dem Feuer zum Stehen kommt. Um zu erkennen ob jemand ausstieg, dafür war es bereits zu dunkel. Langsam wurden die Flammen kleiner, und als das Auto nach fünf Minuten wieder fuhr, war es schon fast gelöscht, nur noch ein Glimmen war durch den Regen zu erkennen. Alles im grünen Bereich, zumindest besteht kein Risiko mehr, dass sich das Feuer auf die umliegende Wiese ausweiten könnte. Also noch einen Kräuterlikör auf den Schrecken, und dann ab ins Bett. Sie würden sich die Sache morgen früh genauer anschauen, und dann einfach mal bei der Polizei anrufen – sicher ist sicher.

Der nächste Tag beginnt eher als gedacht. Denn wo sie die vergangenen Tage völlig unbehelligt und absolut abgeschieden am See standen, kommen bereits am frühen Morgen mehr Autos vorbei als in der gesamten letzten Woche. Nur zwanzig Meter an ihrem Wohnmobil vorbei steuern sie auf die Ruine zu, die jetzt schwarz vor Ruß ist. Ein Feuerwehrwagen, sowie ein Fahrzeug der GNR, der portugiesischen Polizei, stehen nun dort, wo gestern Abend das Auto hielt. “Was ist da los? So ein Aufgebot wegen eines längst erloschenen Feuers in der Bruchbude?” fragt Fredo mehr sich als Lona, noch ehe sie aus dem Bett springen. Da dauert es auch nur wenige Minuten, bis das Polizeifahrzeug zu ihnen rüber fährt und sich ein Polizist mittleren Alters in GNR-Uniform bei ihnen vorstellt.

»Bom dia, guten Tag« begrüßt er sie. Ein Blick auf ihr Nummernschild veranlasst ihn dazu, sich erst nach ihren portugiesischen, dann nach ihren englischen Sprachkenntnissen zu erkundigen. Englisch können alle, so dass er in dieser Sprache fortfährt. »Haben Sie etwas von dem Feuer mitbekommen, können Sie mir etwas dazu sagen?« Da Lona als PR-Managerin nicht nur besseres Englisch sondern auch Storytelling kann, übernimmt sie die Aufgabe ihm von ihren Beobachtungen des gestrigen Abends zu erzählen. Bei der Erwähnung des Autos wird er hellhörig. »Können Sie mir sagen, was für ein Auto das war?« fragt er Lona, was sie wiederum ebenso aufhören lässt. »Nein, tut mir leid, dazu war es zu dunkel. Wir haben auch mehr die Scheinwerfer gesehen als das Auto selbst. Warum interessiert sich die GNR denn für diese alte Hütte? Beim Brand dürfte doch nicht wirklich ein Schaden entstanden sein?« Langsam beschlich Lona das Gefühl, dass es ein Fehler war, nicht sofort den Notruf zu wählen. Scheinbar sind die paar alten Steine von größerem Interesse als sie beide vermutet hatten. »Wir haben in der Ruine die Überreste einer verbrannten Leiche gefunden.« Oh nein. Damit hätten sie ja als Letztes gerechnet. »Der Ziegenhirte hat auf seiner Runde heute Morgen das Auto seines Nachbarn neben der Brandruine entdeckt und hat sich die Sache darauf hin näher angesehen. Und uns dann angerufen. Wir wissen noch nicht, ob es wirklich der Nachbar war, und ob er Selbstmord begangen hat, es sieht jedoch sehr danach aus. Zumal wir auch einen Abschiedsbrief im Fahrzeug gefunden haben. Und die Ruine wohl ihm gehörte. «

Da der Polizist nicht fragte warum sie beim Entdecken des Feuers nicht gleich die Feuerwehr gerufen hätten, sprach auch Lona dieses Thema einfach nicht an. Mit dem Ankommen weiterer Fahrzeuge, die amtlich aussahen, verabschiedete er sich mit dem Hinweis, dass er später nochmals vorbeikommen und ihre Aussage aufnehmen wollte. »Wir sind hier«, entgegnete ihm Lona.

Rodrigo war hin und her gerissen. Aus seinem Küchenfenster konnte er die vergangene Stunde beobachten, wie immer mehr Fahrzeuge in Richtung See fuhren: erst die GNR, dann Feuerwehr, Krankenwagen und weitere Fahrzeuge, ohne offizielle Aufkleber, aber offiziell aussehend. Als neugieriger Anwohner müsste er sich auf den Weg machen um nachzusehen, was da so los ist. Schließlich sieht man hier in der Einöde nicht allzu oft irgendwelche Staatsvertreter, so dass wirklich etwas passiert sein müsste. Aber er wusste ja bereits was geschehen ist – und war sich inzwischen auch sicher, dass Tomas Leiche nicht vollständig verbrannte und von Jemandem gefunden wurde. Das war bestimmt Joao, der alte Hirte, der seine Schafe im Sommer immer früh morgens um den See treibt, bevor die Hitze den Tieren allzu sehr zusetzt. Er überlegt was jetzt zu tun ist, bis er es nicht mehr aushält, sich in sein Auto setzt und an den See fährt. Jedoch nicht zur Ruine, sondern auf eine Landzunge weiter, wo er einen guten Blick auf das Geschehen haben würde.

Fünf Minuten später ist der Schrecken groß – genau hier steht ja ein Wohnmobil! Mit bestem Blick auf den Ort, wo er gestern seinem Nachbarn Tomas einen Stück Holz über den Kopf gezogen hat. Sie könnten alles beobachtet haben, vor allem aber das Feuer müssen sie gesehen haben – und, dass er nochmals mit dem Jeep hergefahren kam um seine Spuren zu verwischen. Besser, er macht sich jetzt erst einmal aus dem Staub, bevor sie sein Auto – oder sogar ihn – wiedererkennen. Er sollte jetzt erst einmal in Ruhe darüber nachdenken, was als nächstes zu tun ist. Hier und jetzt kann er ohnehin nicht viel tun, zu viel Polizei tummelt sich heute am See.

Den Tag über verbrachten Lona und Fredo am Wohnmobil. Beobachteten, wie Ermittler und Spurensicherer den Bereich rund um die Ruine abstecken, in weißen Papieranzügen herumliefen, diskutierten, Proben nahmen, die Überreste abtransportiert wurden. Am späten Nachmittag schließlich kam der Polizist wieder zu ihnen um ihre Aussage aufzunehmen. »Ein ganz schöner Aufwand für einen Selbstmord« merkte Lona direkt an, während er in ihrem Wohnmobil Platz nahm und sie Kaffee kochte. »Weil es inzwischen nicht mehr nach Selbstmord aussieht« entgegnete er ihr trocken. Lonas fragender Blick ließ ihn einmal tief durchatmen, er wirkte erschöpft. »Brandbeschleuniger sowie eine massive Schädelfraktur lässt darauf schließen, dass es kein Selbstmord war. Man kann sich nicht selbst den Kopf einschlagen. Und sich hinterher selbst mit Benzin übergießen.«

Nachdem ihre Aussage aufgenommen und der Polizist wieder gegangen war, beratschlagten Lona und Fredo, was sie nun tun sollten. Es wurde bereits dunkel, und sie sollten für weitere Fragen noch in der Gegend bleiben. So beschlossen sie, die heutige Nacht noch hier zu verbringen. Schließlich war das momentan die sicherste Ecke Portugals, denn es wurde ein Streifenwagen abgestellt. Als Nachtwache für den Tatort, die auch automatisch ihr Wohnmobil im Blick haben würde. Am nächsten Morgen wollten sie dann aber einfach nur weg hier. Schließlich scheint es, als dass ein Mörder hier sein Unwesen treibt. Und es scheint auch, dass das Auto am vergangenen Abend etwas damit zu tun haben könnte.

Rodrigo zermarterte sich schon den ganzen Tag über den Kopf. Es gibt keine Spuren von ihm an der Ruine, auch weiß niemand, dass er Tomas das Grundstück abkaufen wollte. Ansonsten hatte er ohnehin nicht viel mit ihm zu tun, so dass keine Spur zu ihm führt. Das einzige Problem sind diese Touristen im Wohnmobil, denn er weiß nicht was sie gesehen haben. Was müssen die sich auch gerade dorthin stellen. Der See hat so viele Landzungen, und die stehen ausgerechnet auf der einzigen mit Blick auf die Ruine. Wenn sie ihn und sein Auto gesehen haben sollten, dann müsste er dafür sorgen, dass sie ihn nicht identifizieren können. Und er war sich sicher, dass die Polizei auch ihn unter die Lupe nehmen würde – gehörte er doch zu den paar Nachbarn, die Tomas hatte. Und anhand des großen Aufgebots an Spurensicherung und Polizei scheinen diese durchaus an ein Gewaltverbrechen zu denken. Möchte er also auf Nummer sicher gehen muss er dafür sorgen, dass die Leute in dem Wohnmobil ihn nicht gegen ihn aussagen. Nur wie?

Am Abend sitzen Lona und Fredo mit einem Glas Wein vor dem Wohnmobil. Der Rauch hatte sich längst verzogen, die Luft ist angenehm mild, der Sternenhimmel zeigt sich von seiner besten Seite. Ein Abend, als wäre nichts geschehen. Und doch trinken sie das zweite Glas Wein nicht, weil es so gut schmeckt – sondern vielmehr in der Hoffnung, dass sie dadurch besser schlafen werden. Denn der Einzige, der diese ganze Aktion mit stoischer Ruhe durchstand, war Mo. Beneidenswert, wie ein Hund so losgelöst vom Weltgeschehen sei Leben leben kann. Gegen Mitternacht ist die Flasche leer, und sie machen sich auf ins Bett. Doch der Wein war wohl nicht genug, weder Fredo noch Lona finden in den Schlaf. Das scheint sogar Mo unruhig werden zu lassen, denn er wälzt sich ebenso hin und her.

Gegen zwei Uhr am Morgen gibt Fredo das Vorhaben einer Nachtruhe auf zieht sich an um etwas an die frische Luft zu gehen, was Lona im Halbschlaf nur vage mitbekommt. Und so nimmt sie auch nicht wahr, wie Fredo aus dem Wohnmobil steigt, und direkt mit einer Taschenlampe einen übergebraten bekommt, sofort zu Boden geht und dort bewusstlos liegen bleibt.

Er hatte extra noch zwei Stunden gewartet, nachdem im Wohnmobil das Licht ausging und seinen Plan noch einmal durchdacht. Zeugen konnte er einfach nicht gebrauchen, also mussten sie weg. Egal, wie er es anstellen würde, der Polizei wäre sofort klar, dass beide Taten zusammen hängen. Also kann er es auch gleich offensichtlich machen. Als er sich sicher war, dass das Paar tief und fest schläft, kam er hinter dem Wäldchen hervor und machte sich auf die letzten fünfzig Meter zum Wohnmobil. Gerade dort angekommen geht die Tür auf. Instinktiv greift er nach seiner Taschenlampe, trat von hinten an die Person, die gerade ausgestiegen ist heran, und schlägt zu. So eine verdammte Scheiße! Der Mann geht sofort zu Boden und regt sich nicht mehr. Auch von innen ist kein Geräusch zu hören, die Frau muss wohl schlafen. Was sollte er jetzt tun?

Der Typ musste unbedingt wieder rein ins Wohnmobil. Nur dann könnte sein Plan aufgehen. Er war nicht allzu groß oder schwer, Rodrigo hingegen kräftig, also macht er sich daran, sich Fredo über die Schulter zu legen. Schnell die Türe aufmachen, reingehen, ihn einfach irgendwo absetzen oder ablegen, schnell wieder raus, die Türe von außen verrammeln, und das alles möglichst geräuschlos.

Zumindest die erste Hälfte seines Plans ging auf …

Als Lona wach wurde merkt sie, dass Fredo nicht mehr an ihrer Seite liegt. Ein Blick in den Wohnbereich sagt ihr, dass Mo auf seinem Platz schlief, von Fredo allerdings nicht zu sehen war. Sie kannte das schon, immer wenn er nicht schlafen konnte, ging er eine Runde spazieren. Und heute Nacht war ja nicht wirklich an einen erholsamen Schlaf zu denken. Da ging die Türe auf, und die Trittstufe knarrte. Eine Sekunde später war Lona wie erstarrt. Denn das war nicht Fredo, sondern Jemand großes, stämmiges, kam die Türe hinein, und er trug etwas Großes auf den Schultern. Mehr konnte sie nicht erkennen.

In dem Moment erfasste auch Mo, dass hier jemand Fremdes in sein Zuhause eingedrungen war. Von Null auf Hundert fängt er an, einen riesen Radau zu machen. Hysterisch bellt er den Eindringling an, schnappt nach seinen Beinen, geht vor und zurück. Der Eindringling lässt seine Last erschrocken fallen, und in diesem Moment reagiert Lona in Sekundenschnelle, greift sich das Pfefferspray, springt aus dem Bett, landet auf der Eckbank und sprüht dem Fremden eine volle Ladung ins Gesicht. Dieser hält sich schreiend die Hände vor die Augen, so dass Lona ihn durch die noch offene Wohnmobiltüre ins Freie schupsen kann. Schnell macht sie die Türe zu uns das Licht an. Dann erkennt sie, dass es Fredo ist, der vor ihr auf dem Boden liegt, sein Kopf mit Blut überströmt.

Lona merkt, wie die Panik in ihr aufsteigt. Ist die Gefahr gebannt, konnte sie den Typen in die Flucht schlagen? Fredo ist nicht bei Bewusstsein, stöhnt aber leise vor sich hin, als sie ihm ein Tuch auf die Wunde am Hinterkopf drückt um die Blutung zu stillen. Was sollte sie jetzt nur tun?

In dem Moment erinnert sie sich an die Polizeistreife, die noch an der Ruine stehen musste. Instinktiv weiß sie, was zu tun ist. Macht alle Lichter an, inklusive der Außenbeleuchtung, geht ins Fahrerhaus, macht auch die Scheinwerfer an. In dem Moment sieht sie, dass der Mann vor dem Wohnmobil steht, sich immer noch die Augen reibt, vom Licht der Scheinwerfer erfasst wird und wegtorkelt. Sie drückt einfach nur auf die Hupe. Das müssen die Polizisten einfach hören! Und tatsächlich, nur wenige Sekunden später sieht sie in der Ferne Scheinwerfer angehen und schnell näher kommen. Jetzt kann sie sich wieder um Fredo kümmern, der immer noch stöhnend am Boden liegt.

Als Rodrigo wieder aufwachte war ihm sofort klar, dass er geliefert ist. Er fand sich in einem Krankenhauszimmer wieder, mit Handschellen ans Bett gefesselt. Auf dem Stuhl vor ihm sitzt ein Polizist, der auf sein Smartphone starrte. Wie genau er hierher kam, keine Ahnung. Nachdem er aus dem Wohnmobil gestoßen wurde und mit brennenden Augen quasi Blind plötzlich in gleisendem Licht stand versuchte er von dort wegzukommen. Wusste aber nicht, in welche Richtung er laufen sollte, und merkte nur noch, wie er erst angeschrien und dann überwältigt wurde. An das, was danach kam, hatte er keine Erinnerung mehr. Seine Augen schmerzten immer noch, und so schließt er sie einfach wieder. Das waren die schlimmsten zwei Tage seines Lebens. Und er wusste, dass noch viele weitere schlimme Tage kommen würden.

Lona hatte ihren Stuhl nahe an das Krankenhausbett zogen, in dem Fredo lag. Sie hatten ihm Beruhigungsmittel gegeben und ihn untersucht, einen Gehirnscan gemacht. Bis auf eine anständige Gehirnerschütterung scheint sein Kopf wohl nichts abgekommen zu haben, er musste sich jetzt einfach nur mal richtig ausschlafen. Die Ärzte vergewisserten ihr, dass nichts zurück bleiben würde. Am späten Vormittag kam der Polizist von gestern rein und sie gingen auf den Flur, um sich zu unterhalten.

»Da haben Sie wirklich Glück gehabt« begann er seine Ausführungen. »Wir konnten den Täter zwischenzeitlich vernehmen, und er hat alles gestanden.« Als Rodrigo vor zwei Wochen nahe der Ruine ein paar größere Felsbrocken in sein Auto verladen wollte um damit ein Mäuerchen auf seinem Land auszubauen entdeckte er etwas Aufregendes: Gold. Und wo schon an der Oberfläche etwas Gold zu finden war, da musste sich im Boden noch viel mehr verstecken. Deshalb wollte er von Tomas das Grundstück am See kaufen, doch dieser war einfach nicht zu einem Verkauf zu bewegen. So kam es zum Streit, der damit endete, dass Tomas erst erschlagen und dann verbrannt wurde. Danach kam Rodrigo nochmals zur Ruine, um in Tomas Auto einen Abschiedsbrief zu platzieren, und seine Fingerabdrücke zu verwischen. Am nächsten Tag befürchtete er, dass sie vom Wohnmobil aus alles beobachtet hatten – und beschloss, ihr Wohnmobil abzufackeln – während sie darin schliefen. Wäre Fredo nicht ausgerechnet um diese Zeit nach draußen gegangen, sie wären in ihrem eigenen Wohnmobil gefangen gewesen und ein Opfer der Flammen geworden. Die Polizei fand zwei Kanister mit Benzin vor dem Wohnmobil stehend, außerdem einen großen Holzpfosten der wohl dafür gedacht war die Wohnmobiltüre von außen zu verbarrikadieren. Selbst wenn sie das Feuer noch bemerkt hätten, eine Flucht wäre kaum noch möglich gewesen.

Zwei Stunden später wacht Fredo auf. Lona sitzt neben seinem Bett auf dem Stuhl, kaum zu mehr fähig als einfach nur kraftlos zu lächeln. »Wollen wir ans Meer fahren?«


Kennst du schon?

Dies war meine zweite Kurzgeschichte, die erste findest du hier: Tod am Bambusbach


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