Seit ungefähr einer Woche haben wir unser Lieblingsplätzchen an der Algarve in Beschlag genommen. Wir stehen an unserem Bach, der so tut, als wäre nichts gewesen. Das Hochwasser ist weg, und er plätschert wieder gemütlich vor sich hin. Inzwischen hat uns der Frühling erreicht: die Sonne scheint, die Vögelein zwitschern, die 25-Grad-Marke ist überschritten. Und doch kommen wir kaum aus der Hütte raus. Denn es hat uns erwischt – wir haben uns die Grippe ins Haus geholt. Die Damen wissen sicher was das heißt, wenn Männer Grippe haben. Ich erspare euch Details.

Ich war ein paar Tage eher dran mit krank werden, und so geht es mir auch ein paar Tage eher besser. Während der Herr des Hauses sich also Mittags nochmal hinlegt, gehe ich mit den Hunden etwas an die frische Luft. Sehr weit komme ich noch nicht, ganz fit bin ich noch nicht. Die Gassirunden etwas zu erweitern ist aber zwingend notwendig, denn die Jungs haben die letzten Tage sehr viel Energie angestaut – und können so kaum erwarten, dass es losgeht.

Da fällt es mir das erste Mal auf, dass das Auto, welches schon während der morgendlichen Gassirunde am Straßenrand steht, immer noch da ist. Menschen sind weder in Sicht, noch in Hörweite, die werden sicher auf der anderen Seite des Baches sein, dort hat es schöne Picknickplätze.
Doch irgendwie steht das Auto auch noch am Abend da. Ob da welche Campen? Oder am Wandern sind? Schließlich stehen wir direkt an einem Wanderweg. So ein bisschen neugierig, ob sich neue Nachbarn an unserem sonst so verlassenen Plätzchen eingenistet haben, bin ich ja schon. Und schaue einfach nach – so führt uns die letzte Gassirunde des Tages durch den Bach, und ein Stück den Trampelpfad entlang. Picknicken oder zelten tut hier niemand, bleiben nur noch Wanderer oder Jäger.

Am nächsten Morgen steht das Auto immer noch da! Langsam wird mir mulmig, mein Bauchgefühl sagt mir, dass da was nicht stimmen könnte. Also schaue ich mir das Auto mal etwas genauer an. Ein Blick ins Auto lässt das komische Bauchgefühl zu einer heftigen schlechten Vorahnung anwachsen. Denn das Fenster der Fahrerseite ist einen Spalt offen, und auf dem Beifahrersitz liegt ein Handy. Im offenen Handschuhfach sehe ich Papiere, und auch etwas, das ein Führerschein sein könnte. Okay, wir sind hier wirklich in der Pampa, mit null Kriminalitätsrate, aber so lässt man sein Fahrzeug doch nicht über Nacht stehen? Ohne nachzudenken greife ich nach dem Griff der Fahrertüre – sie ist offen.

Die Morgengassirunde geht irgendwie automatisch in eine andere Richtung als sonst. Ich nehme den einzigen Weg, den ich bisher noch nicht genommen habe, seit das Auto dort rumsteht. Doch auch hier ist niemand. Wir sind alleine hier – wir und dieses portugiesische Auto.

Zurück am Wohnmobil erzähle ich von meinen Beobachtungen, und wir beratschlagen uns. Nochmal einen halben Tag abwarten oder einfach die Polizei anrufen? Machen wir uns lächerlich, weil wir melden, dass irgendein Wanderer sein Auto auf einem Parkplatz abgestellt hat? Oder ist es schon unterlassene Hilfeleistung, wenn wir es nicht melden? Mein Gefühl sagt mir, dass hier etwas nicht stimmt, und so rufen wir bei der Polizei an. Ich schildere den Sachverhalt, und die Dame am Telefon kann meine Sorgen nachvollziehen, verspricht einen Wagen vorbeizuschicken.

Es dauert keine 20 Minuten, bis dieser auch hier ist. Zwei Polizisten Ende dreißig und ein ganz Junger, vermutlich Polizeischüler, kommen in einem Geländewagen angefahren. Die sind hier normal, denn im Hinterland der Algarve gibt es viel unzugängliches Gelände. Ich erläutere, dass das Auto bereits seit über 24 Stunden hier steht, dass ich weder hier noch in der näheren Umgebung jemanden gesehen habe. Alleine der Umstand, dass das Fahrzeug offen ist, dass Papiere und Handy offen herum liegen, macht auch die Herren der Polizei stutzig, und so telefonieren sie erst einmal mit ihrer Zentrale.

Sie überprüfen das Kennzeichen und die Personalien des Mannes, dessen Papiere sie im Auto finden. Ein João, ein Mann um die 60, wie ich dem Bild auf seinem Ausweis entnehmen konnte. Der telefonierende Polizist informiert mich darüber, dass Kollegen von ihnen jetzt erst einmal bei seiner Adresse nachsehen. Vielleicht wollte ja einfach sein Auto nicht mehr anspringen, und er ist längst wieder zu Hause. Irgendwie glaube ich da nicht dran. Während wir auf eine Rückmeldung warten, sucht der andere Polizist eine Karte raus. Ich zeige ihnen, wo ich auf meinen Gassirunden schon überall nachgesehen habe. Ich kenne die nähere Umgebung recht gut, weiß wo es neue Wege gibt, die auf ihrer Karte noch nicht verzeichnet sind, und welche Wege längst zugewachsen sind.

Schließlich macht sich einer der Polizisten zusammen mit dem Nachwuchspolizisten auf, um sich auf der anderen Seite des Baches umzusehen. Mit ihrem Jeep fahren sie durch, und fahren auch alle möglichen Wege ab. Nach 20 Minuten sind sie zurück, ohne Joao gefunden zu haben. Inzwischen wissen wir auch, dass er auch zu Hause nicht ist. Dass er aber hin und wieder mal für ein, zwei Tage verschwindet, seine Frau sich deshalb längst keinen Kopf mehr macht.

Doch inzwischen haben die Polizisten ein ähnlich schlechtes Gefühl wie ich, und so besprechen sie sich mit ihrer Zentrale, um eine Suche zu veranlassen. Die nächsten drei Stunden ist hier einiges los: Hunde versuchen, eine Spur von Joao zu finden. Ohne großen Erfolg, da es letzte Nacht nochmal richtig heftig geregnet hat. Sicher um die hundert Polizisten und Feuerwehrleute suchen in kleinen Gruppen das Gelände weiträumig ab. Unterstützt werden sie von ein paar Einheimischen, die mit Quad und geländegängigen Motorrädern den Suchradius erweitern. Sie finden Joao aber einfach nicht, und so kommt nach drei Stunden erfolgloser Suche sogar noch ein Hubschrauber zum Einsatz.

Als es dunkel wird, brechen sie die Suche ab. Wo ist Joao nur? Ist er in den Bach gestürzt? Hat er sich verlaufen? Oder liegt er irgendwo, verletzt, oder mit einem Herzinfarkt? Theorien und Mutmaßungen gibt es einige, doch wirkliche Anhaltspunkte eher keine. Und neue Erkenntnisse wird es heute Nacht wohl auch keine geben.

Der nächste Morgen bricht an, und als ich mich mit den Hunden zur morgendlichen Gassirunde aufmache, sind die ersten Einsatzfahrzeuge bereits vor Ort, ich denke sie besprechen die weitere Vorgehensweise. Ich entscheide mich für eine Runde bachabwärts, da komme ich wenigstens nicht mit denen von der Hundestaffel in Kontakt.

Wir gehen seit knapp einer halben Stunde den schmalen Weg entlang, als die Hunde plötzlich sehr aufgeregt werden. Ich sehe nur, wie sie etwas am Wegesrand wie wild beschnüffeln. Die Hänge dieses Tales sind voll mit Karnickelbauten, bestimmt ist hier eines der Tierchen verendet. Ich verjage die Jungs, um selbst nachzuschauen. Und brauche bestimmt eine Minute, bis ich wirklich wahrnehme, was ich hier sehe.

In dem Busch liegt ein Schuh, so eine Art Arbeitsschuh. In dem Schuh steckt ein Fuß. Sauber abgetrennt, oberhalb des Knöchels, direkt am Schaft. Langsam beginnt mein Hirn zu arbeiten: das muss ein Fuß von Joao sein. Wie kommt der hierhin? Warum ist nirgends Blut zu sehen? Und wo, verdammt nochmal, ist Joao?

Ich versuche, strategisch zu denken – was in solch einer Situation nicht leicht fällt. Wir befinden uns in einem Tal, etwa zehn Meter links parallel des Weges fließt der Bach. Es gibt keinen Zugang zum Bach, denn alles ist mit Gestrüpp und Bambus zugewachsen. Der Weg, auf dem ich mich befinde, ist eine Sackgasse. Er endet ein paar hundert Meter weiter auf einer Wiese mit Obstbäumen. Ein Handy habe ich natürlich nicht dabei. Und wenn schon, hier gibt es ohnehin keinen Empfang. Ich habe jetzt zwei Möglichkeiten: zurückrennen und der Polizei Bescheid geben, dann dauert es bestimmt 40 Minuten bis wir wieder hier sind. Oder ich schaue nach, ob ich ihn so finde, da weiß ich in zehn Minuten Bescheid.

Es mag keine schlaue Entscheidung sein, aber ich gehe den Weg weiter. Den Hunden gebe ich den Befehl, dass sie hinter mir bleiben sollen. Wer weiß, was wir finden werden. Ein verbluteter Joao, oder auch nur weitere Teile von ihm? Im Augenwinkel beobachte ich die Hunde, wie sie direkt hinter mir laufen, einer links, einer rechts von mir. Wenn hier noch was am Wegesrand herumliegen sollte, sie würden es sofort aufspüren.

Am Ende des Weges geht es nur noch zwischen zwei Feigenbäumen hindurch, ehe wir unvermittelt auf der Wiese stehen. Ich sehe mich um, kann jedoch nicht entdecken. Erst, als ich schon wieder Kehrt machen möchte, sehe ich ihn: Ein Mann sitzt im Türsturz der eingefallenen Ruine. Joao.

Ich gehe langsam auf ihn zu, melde mich einige Meter vor ihm mit einem „Bom dia, o senhor“ an. Er reagiert nicht, lehnt mit der Schulter an den Resten der Mauer. Ist er bei Bewusstsein? Lebt er noch? Ich sehe die Blutlache unter ihm, dort, wo mal sein Fuß war. Ansonsten scheint er unverletzt. Mit einem Handzeichen sage ich den Hunden, dass sie Platz machen sollen, und komme langsam näher, berühre in leicht am Knie. Als er auch darauf nicht reagiert, drücke ich seinen Oberarm etwas. Ich kann nicht sagen, ob noch Leben in ihm ist. Wie kalt ist ein toter Mensch, wenn er in der heißen Sonne sitzt? Atmet er noch, hat er Puls? Als ich meine Finger an seinen Hals hebe um seinen Puls zu fühlen, vernehme ich eine Regung. Okay, wer sich bewegt, der lebt wohl noch!

Nun rüttele ich ein klein wenig fester an ihm. Er wird wach, schaut mich mit halb geöffneten Augen an und fängt direkt an, etwas auf Portugiesisch vor sich hinzumurmeln. Ich verstehe kein Wort. Er wird immer wacher und aufgeregter, zeigt mit dem Finger in den Himmel. Seine wirren Worte werden verständlicher, bleiben aber immer noch wirr. Wenn ich mir das richtig zusammenreime, dann will er mir erzählen, dass die Außerirdischen mit dem Ufo da waren um ihm Böses wollten. Alles klar. Ich begreife, dass Joao nicht wirklich bei klarem Verstand ist, und dass ich hier dringendst Hilfe brauche. Denn wenn der alte Mann hier noch weiter rumsitzt, dann wird er verbluten. Ich schaue mir sein linkes Bein, also das ohne Fuß, etwas genauer an. Er hat es wohl mit seinem Gürtel abgebunden. Die Blutlache darunter ist dennoch riesig. Es scheint mir aber so, als ob kein neues Blut austritt, das am Boden ist bereits angetrocknet. Hauptsache, er bleibt schön sitzen und bewegt sich nicht.

Joao ist schon wieder weggeschlummert. Ich entscheide mich dafür, ihn einfach so sitzen zu lassen. Das hat er bis jetzt überlebt, vermutlich die Nacht so überstanden, da wird es das auch noch eine dreiviertel Stunde länger tun. Also renne ich los, die Hunde hinter mir her.

Zwanzig Minuten brauche ich bis zum Wohnmobil, in das ich schnell die Hunde reinschupse, um dann die letzten Meter zur Straße zu gehen. Dort macht sich der Suchtrupp gerade startklar. Als ich mit letzter Kraft angerannt komme wissen sie gleich, dass ich etwas gefunden habe. Ich benötige ein paar Atemzüge, meine Lunge ist diese Rennerei einfach nicht gewohnt. Schließlich erzähle ich ihnen, dass ich Joao gefunden habe, und zeige ihnen auf der Karte auch wo genau. Und, dass sie mit dem Jeep dort hinkommen, nicht aber mit dem Krankenwagen. Der Polizist mit den ganzen glänzenden Abzeichen an der Mütze ist offensichtlich der Einsatzleiter hier, er bellt ein paar Ansagen auf Portugiesisch in die Runde. Sofort schwärmen alle aus, sammeln ihre sieben Sachen zusammen, laden ein paar Koffer und eine Trage vom Krankenwagen in die drei Jeeps um, verteilen sich selbst ebenfalls auf die Jeeps. Der Einsatzleiter weißt mir einen Platz auf der Rückbank seines Jeeps zu, und schon rasen wir den schmalen Weg hinunter.
Keine fünf Minuten dauert die holprige Fahrt, und wir stehen am Ende des Weges. Wir steigen aus, und ich laufe vor, um ihnen zu zeigen, wo Joao sitzt. Aber da sitzt kein Joao mehr. Ich laufe zur Ruine. Doch dort, wo ich ihn zurück gelassen habe, ist nur noch eine große Blutlache. Joao ist weg. Nach bestimmt zehn Sekunden der Schockstarre fasst sich der Chef als erstes, und beordert alle zurück zu den Fahrzeugen. Damit der Suchhund seinen Job machen kann. Joao kann ja nicht weit gekommen sein.

Während ich zusehe, wie der Hund immer wieder im Kreis läuft und es einfach nicht schafft, eine Spur aufzunehmen, wird mir klar, was Joao mir vorhin mitteilen wollte. Außerirdische waren da, und sie wollten ihn kidnappen. Er hat sich gewehrt, und dabei wurde sein Fuß irgendwie durchtrennt. Was genau geschehen ist, das werden wir wohl nie erfahren. Denn offenbar haben sie ihn doch noch bekommen.

Ja ja, so ist das mit den Außerirdischen. Hat dir die Geschichte gefallen? Dann lass mir doch bitte hier bei Facebook einen Like oder ein Kommentar da.

 

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In chronologischer Reihenfolge:

  1. Tod am Bambusbach
  2. Das Feuer am See
  3. Die Hütte am Strand

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Tanja Hier schreibt Tanja

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